Medienanalyse zur Amokfahrt von Leipzig

Der Tag danach

von Jakob

Der Tag danach
Bildquelle: Montage: Redaktion; verwendete Bilder: Stocksnap, Pixabay

Am Montag, den 4. Mai 2026, fuhr ein Mann in einem Auto mit etwa 80 km/h durch eine belebte Einkaufsstraße in Leipzig. Mehrere Personen wurden verletzt, zwei Menschen starben. Wenige Tage nach der Amokfahrt ist es wieder ruhig. Nun beherrschen wieder die gewohnten Themen die Schlagzeilen: Donald Trump, der Nahe Osten oder die nächste Entgleisung von Friedrich Merz. Ganz anders bei einem ähnlichen Fall im letzten Jahr: Am 22. Januar 2025 erstach ein Mann in Aschaffenburg ein zweijähriges Kind und einen 41-jährigen Erwachsenen. Hier war der „Messerangriff von Aschaffenburg“ tagelang Thema Nummer Eins in den Schlagzeilen der größten deutschen Medien. Die Politik reagierte damals scharf. Dabei hatten beide Fälle vieles gemein: Beide Taten wurden von Männern begangen, beide hatten psychische Probleme und wurden frühzeitig aus der Behandlung entlassen. Der Unterschied: Der Täter von Aschaffenburg hatte einen Migrationshintergrund; der mutmaßliche Täter von Leipzig ist Deutscher. Warum berichten Medien bei solch ähnlichen Täterprofilen doch so unterschiedlich? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Wie Medien berichten

Die Wochen und Monate nach dem „Messerangriff von Aschaffenburg“ waren geprägt von einer Frage: Wie kann man eine solche Tat in der Zukunft verhindern? Medien berichteten tagelang über neue Erkenntnisse in dem Fall, Politiker:innen saßen in Talkshows und diskutierten mögliche Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Taten. Für den damaligen Kanzlerkandidaten der CDU und heutigen Bundeskanzler Friedrich Merz war „das Maß endgültig voll.“ℹ︎ So kurz vor der Bundestagswahl 2025 beherrschte die Tat schnell den Diskurs im politischen Berlin. Der amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wollte Konsequenzen ziehen und sprach von einer „falsch verstandenen Toleranz“ von Ausländer:innen,ℹ︎ der heutige Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte eine „Vollbremsung in der Migration“ℹ︎ und die rechtsextreme AfD rief zum Ende der Brandmauer auf.ℹ︎ Wenige Wochen später stimmten AfD und Union für das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz, um die „illegale Migration“ nach Deutschland zu stoppen.ℹ︎ Der Gesetzesentwurf wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt.

Bei den Forderungen spielte damals die Herkunft des Täters eine primäre Rolle. Die psychischen Probleme des Täters dagegen, die früh bekannt waren, hatten in den meisten Narrativen bestenfalls einen untergeordneten Stellenwert.

Die Berichterstattung hielt sich lange in den größten deutschen Medien. Eine Auswertung von Meinungsmache zeigt, dass Berichte über die Tat erst nach durchschnittlich 4,5 Tagen aus den ersten 10 Artikeln der Hauptseite verschwanden. Besonders aktiv waren die Nachrichtenangebote des Axel-Springer-Verlags, die regelmäßig mit reißerischer Berichterstattung über Migrationskriminalität auffallen. Zwischenzeitlich bestanden 7 der 10 ersten Beiträge auf der Homepage der Welt aus Berichten über Aschaffenburg. Aber auch bei Herausgebern wie der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung dominierte die Tat fünf Tage in Folge die Schlagzeilen. Bei der Tagesschau verschwand das Thema bereits nach drei Tagen aus den ersten 10 Artikeln der Website. Unsere Erhebung ist zwar keine repräsentative Medienanalyse, zeigt aber deutlich, welchen Stellenwert die Tat auf den größten Nachrichtenportalen Deutschlands hatte.

Zurück in die Gegenwart. Mittlerweile liegt die Amokfahrt in Leipzig knapp eine Woche zurück, und das Thema ist schon jetzt quasi wieder aus den größten deutschen Medien verschwunden, die Schlagzeilen werden längst wieder von anderen Themen beherrscht: Machtwechsel in Ungarn, Zölle in den USA, Wahlen in Großbritannien. Bei den meisten großen Medien hat es keine zwei Tage gedauert, bis die Amokfahrt aus den ersten 10 Artikeln der Website verschwand. Bei der Bild gab es nicht einmal am ersten Tag nach der Tat eine obere Schlagzeile auf der Website. Was es stattdessen gab: der mutmaßliche Tod vom Wal „Timmy“ und der Tod eines Jungen durch einen abgelehnten Asylbewerber.

Auch die Politik reagiert vergleichsweise verhalten auf die Tat, Stellungnahmen von Politiker:innen beschränken sich auf Beileidsbekundungen an die Angehörigen. Keine Ankündigungen politischer Maßnahmen wie im Fall Aschaffenburg, und auch von der AfD hört man nichts. Während bei dem Messerangriff von 2025 plakativ die Herkunft des Täters zur Schlagzeile gemacht wurde, muss man diesmal deutlich weiter lesen als nur die Überschriften, um etwas über die Staatsbürgerschaft des mutmaßlichen Täters von Leipzig zu finden.

Warum Medien berichten

Wie bereits zu Anfang erwähnt, ähneln sich die Täterprofile in Aschaffenburg und Leipzig stark, beide Männer hatten psychische Probleme und wurden frühzeitig aus ihrer Behandlung entlassen. In beiden Fällen kamen die Ärzte zu dem Schluss, dass „keine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliege.“ℹ︎ ℹ︎ℹ︎ In beiden Fällen haben sie sich geirrt. Der Täter von Aschaffenburg wurde in Afghanistan geboren und floh 2022 nach Deutschland, der mutmaßliche Täter von Leipzig war gebürtiger Deutscher. Die Erklärung liegt auf der Hand: Politiker:innen und Medien reagieren stärker, wenn eine Person mit Migrationshintergrund eine Straftat begeht. Gestützt wird diese Erklärung durch einen weiteren Fall: Im März 2025 fuhr ein 40-jähriger deutscher Mann mit einem Auto durch eine Einkaufsstraße in Mannheim. Laut einer Recherche von BuzzFeed News Deutschland war das Medieninteresse nur halb so groß wie nach der Amokfahrt eines Mannes aus Saudi-Arabien in Magdeburg im Dezember des Vorjahres.ℹ︎ Warum ist das so?

Die Aufgabe vonNachrichtenmedien ist es eigentlich, die Öffentlichkeit unabhängig von externen Interessen über aktuelle Themen zu informieren. Dies ist heute schwieriger denn je, denn in Zeiten, in denen dutzende Nachrichtenportale um einen immer kleiner werdenden Kreis von zahlenden Leser:innen konkurrieren, sind Medien vor allem von einer Gruppe abhängig: der eigenen Leserschaft. Sie müssen über Dinge schreiben, die die Menschen gerne lesen und für die sie bereit sind, Geld auszugeben. Schreibt man über Themen, die auf kein breites öffentliches Interesse stoßen, droht die Geldquelle zu versiegen und bedroht die eigene Existenz. Im Journalismus gibt es sogenannte Nachrichtenfaktoren, also anhand welcher Kriterien eine Geschichte berichtenswert ist: Emotionen, Nähe, Konflikt und vor allem Relevanz. Ist ein Thema nicht relevant für die eigene Zielgruppe, dann taugt es nichts.

Hier beginnt ein Teufelskreis: Wenn Politiker:innen, Parteien und rechtsextreme Medien Ressentiments gegen Ausländer:innen schüren, wächst in Teilen der Bevölkerung die Unsicherheit. Mehr Menschen informieren sich in der Folge zu dem Thema, und damit gewinnt es an journalistischer Relevanz. Medien reagieren darauf: Wenn Artikel über ausländische Täter häufiger angeklickt werden als Berichte über deutsche Täter, dann wird in Konsequenz auch häufiger darüber berichtet. (Hier wurde übrigens bewusst nicht gegendert: Männer begehen unabhängig der Herkunft deutlich häufiger Gewalttaten als Frauen.) Das wiederum verstärkt die Präsenz des Themas, löst weitere Unsicherheit aus und bietet Rechtsextremist:innen eine Grundlage für weitere Stimmungsmache gegen Ausländer.

Versierte Medien wissen natürlich um diesen Kreislauf. Aber nicht alle Medien spielen darin die gleiche Rolle. Nachrichtenangebote wie Bild, Welt oder das rechtsextreme Portal Nius profitieren von einem gesellschaftlichen Rechtsruck, weil Angst vor Migration ihre Klickzahlen steigert. Politisch moderate oder linke Medien ziehen tendenziell mit, weil sich mit der gesellschaftlichen Stimmung im Land auch die journalistische Relevanz der Themen verschiebt.

Was das mit uns macht

Viele Untersuchungen der letzten Jahre zeigen, dass Migration fast immer negativ in den Medien. Das liegt vor allem daran, dass ereignisorientiert berichtet wird, wie eben zu Anschlägen oder Amokfahrten.ℹ︎ Die alltägliche, unauffällige Integration von Millionen Menschen in Deutschland findet dagegen in den Schlagzeilen nicht statt. Zurück bleibt ein verzerrtes Bild, das reale Konsequenzen hat.

Der Fokus auf die ausländische Herkunft eines Täters bietet stets eine einfache Lösung an. Nach dem Motto: „Der Täter war Ausländer, also Ausländer raus. Problem gelöst.“ Dieser Strategie bemächtigt sich vor allem die rechtsextreme AfD, aber auch Union, SPD und teilweise die Grünen orientieren sich daran. Aus einer Tat wie in Aschaffenburg lässt sich hervorragend politisches Kapital schlagen, ohne sich den eigentlichen Ursachen stellen zu müssen: ein marodes Gesundheitssystem, das psychisch kranke Menschen frühzeitig aus der Behandlung entlässt, und eine scheiternde Integration, die Geflüchtete in Isolation und Perspektivlosigkeit zurücklässt. Wenn diese Menschen dann aufgrund unbehandelter psychischer Krankheiten oder religiöser Indoktrination zu Gewalttaten getrieben werden, bereichern sich Rechtsextremist:innen und ideologisierte Medien daran. Der Täter war ja Ausländer.