Wahlen in Großbritannien

Auch in Schottland gibt es Faschos

von Mara

Auch in Schottland gibt es Faschos
Bildquelle: Montage: Redaktion; verwendete Bilder: Reddit, u/Flowa-Powa

Zottelige Kühe, Männer im Kilt, Dudelsack und Whisky: Daran denken viele Menschen zuerst, wenn sie an Schottland denken. Wir haben neuerdings etwas Neues anzubieten: Mainstream-Faschisten. Die politische Rechte ist auch hier deutlich erstarkt, Umfragen des Meinungsforschungsportals YouGov zeigen, dass in Schottland etwa 20 Prozent für die hart rechte Partei Reform UK stimmen würden. ℹ︎ In ganz Großbritannien sind es sogar bis zu 25 Prozent. ℹ︎ Und heute, am 7. Mai 2026, werden vermutlich sehr viele Menschen genau das tatsächlich tun.

Wahlen in Schottland und Wales

Sowohl das schottische als auch das walisische Parlament werden komplett neu gewählt. Kleines Detail am Rande: Zumindest dürfen in diesen Wahlen für die Parlamente in Schottland und Wales auch diejenigen Menschen mit abstimmen, die im Land leben, aber keine Staatsbürgerschaft haben. Für die General Elections in Westminster, bei denen eine neue UK-Regierung und ein neuer Premierminister gewählt werden, gilt das nicht. Du hast keine Staatsbürgerschaft, weil du keine Lust hast, unter Umständen Tausende Pfund für den Einbürgerungsprozess zu bezahlen, um dann am Ende einen Treue-Eid auf den König schwören zu müssen? Pech gehabt, dann halt keine politische Mitbestimmung.

Neben den beiden Parlamenten in Edinburgh und Cardiff wird aber auch in mehr als 130 Wahlbezirken in England gewählt, darunter alle 32 Londoner Bezirke. Allein in England werden über 5.000 Sitze in Stadt- und Gemeinderäten neu gewählt. Das sind beileibe nicht „nur" Lokalwahlen. Im gesamten Land wird am Freitagmorgen nichts mehr so sein wie zuvor, denn diese Wahlen werden Machtverhältnisse, Rhetorik und politische Grundsatzwerte nachhaltig verschieben, in Westminster genauso wie auf lokaler Ebene.

Der Wahlkampf der Faschisten

Der Wahlkampf ist größtenteils absurd, die Kommunikation der meisten Parteien erschöpft sich in einem Argument: „Stimm für uns, um die anderen zu stoppen”. Ein tatsächlicher Grund für eine bewusste Stimmenabgabe, um etwas im Land zum Besseren zu verändern, ist das nicht. Das Einzige, worauf sich alle Parteien einigen können, ist, die britischen Grünen unter Vorsitz von Zack Polanski wahlweise als gefährliche Extremisten, naive Traumtänzer, Kommunisten, Antisemiten oder allgemein als Spinner darzustellen.

Und dann gibt es da noch Reform UK, mit Nigel Farage als Führer... äh Pardon, Parteivorsitzenden. Reform UK findet, dass alles, aber auch wirklich alles im Land den Bach runtergeht. Und schuld sind ganz klar die Ausländer, Migranten und Geflüchteten, die in kleinen Schlauchbooten den Ärmelkanal durchqueren, zu Hundertausenden ins Land einfallen, die Sozialsysteme ausnutzen und die schöne britische Kultur mit den ganzen fremden Sprachen und neuen Speisen, die mit mehr als nur mit Salz und Essig gewürzt sind, kaputt machen.

Dieselben widerwärtigen Plakate mit Bildern von verzweifelten Geflüchteten, optional im Schlauchboot oder in einer endlosen Warteschlange aus Elend, die in diesem Wahlkampf von Reform UK verwendet werden, gab es übrigens bei den letzten Wahlen schonmal. Für eine Kreativabteilung hat es bei Reform UK wohl nicht mehr gereicht. Aber die Phrasen bleiben ja auch immer dieselben, da liegt es natürlich nur nahe, auch genau dieselben Bilder einfach nochmal aus dem Desktop-Ordner auf dem Windows Vista Computer zu ziehen.

Reform UK ist übrigens nicht als not-for-profit Stiftung, wie bei Parteien üblich, sondern als „limited company“, also als GmbH gegründet worden. Nigel Farage war zuvor bereits Vorsitzender der Brexit Party und der UK Independence Party (UKIP). Beides hat offenbar so phänomenal gut funktioniert (Spoiler: hat es nicht), dass noch eine Partei gegründet werden musste. Eine, bei der man lästige Großspenden nicht mehr länger angeben und öffentlich nachweisen musste, sondern mit einem praktischen Firmenkonto. Und mit Spenden kennt sich der Führer Farage aus: Recherchen des britischen Guardian haben erst kürzlich aufgedeckt, dass Farage fünf Millionen Pfund als persönliches Geschenk vom Krypto-Milliardär Christopher Harborne erhalten hatte, die er nicht deklarierte. ℹ︎ Anfang 2024 hatte Farage noch gesagt, er habe kein Interesse, bei einer Wiederwahl anzutreten. Nur kurze Zeit später im Juni, nachdem das großzügige Geschenk sein Konto erreicht hatte (sicherlich no strings attached), gab er seine erneute Kandidatur in den General Elections in 2024 bekannt. Warum sind Faschisten bloß immer so unsubtil in ihrem Vorgehen?

Viel Geld scheint übrigens, neben der Hetze gegen Ausländer, eines der vorherrschenden Merkmale der führenden britischen Faschisten in der Reform-UK-Partei zu sein. Der Vorsitzende des schottischen Ablegers von Reform UK, Multimillionär und ehemaliges Mitglied der konservativen Tories Lord Malcom Offord, hatte jüngst in einer Fernsehdebatte damit angegeben, wie viele Häuser, Autos und Boote er besitzt (jeweils sechs, fünf, und sechs). Hinter der Bemerkung stand ein Versuch von Offord, sein Gegenüber, den Co-Vorsitzenden der schottischen Grünen Ross Greer und dessen Politik, zu diskreditieren. Offord prahlte mit seinem Erfolg und Reichtum und fragte Greer dann: „In eurem Schottland, wollt ihr mehr Leute wie mich haben, oder weniger?“ „Weniger“, kam die prompte Antwort von Greer.

Aber auch all das Geld, das bei Reform UK anscheinend reichlich vorhanden ist, kann offenbar nicht dafür sorgen, dass selbst vermeintlich simple Wahlkampfaktionen reibungslos ablaufen. Der stellvertretende Vorsitzende der Partei Richard Tice postete ein Bild auf der Plattform X (ehemals Twitter) des Faschisten Elon Musk, das eine Gruppe von Reform-UK-Unterstützern im Wahlkampf zeigen sollte. ℹ︎ Leider hätte selbst Stevie Wonder sofort erkannt, dass es sich bei dem Bild um eine mit KI-generierte amateurhafte Fälschung handelte: eine Frau mit sechs Fingern an einer Hand, ein Plakat schwebt in der Luft. Nicht einmal im Erstellen von KI-Slop und Lügen sind die Faschisten von Reform UK offenbar gut. Und dann wollen sie regieren?

Die Schwäche der Anderen?

Die Labour-Regierung, die das Land zurzeit hat, wirkt müde, ideenlos, zerstritten und wackelig. Keir Starmer, mit dem Rückgrat einer Nacktschnecke, ist (noch) Premierminister. Er sitzt aber auf einem sehr dünnen Ast und das nicht erst seitdem ihm der Mandelson-Skandal zu schaffen macht. Starmer wurde nicht gewählt, weil die Leute so begeistert von ihm oder seiner Politik waren. Er steht für nichts Konkretes. Die Wahl 2024 stand in erster Linie unter dem Motto „Tories raus!“, und das um jeden Preis. Starmer hat es seitdem geschafft, die Labour-Wähler im linken Spektrum der Partei zu vergraulen (die wählen jetzt grün), sowie gleichzeitig auch die Wähler aus der Mitte und aus dem mitte-rechten Kreis (die wählen jetzt wieder die konservativen Tories oder die Liberaldemokraten, oder sind gleich ganz nach rechts zu Reform UK gewandert).

Schottland ist meine Heimat seit 17 Jahren. Ich lebe hier gerne. Aber ich habe Angst vor Freitagmorgen, wenn ich aufwache, die Zeitung von dem griechischen Mann in meinem italienisch-schottischen Eckladen kaufe. Zwar wird auf der Titelseite dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stehen: „Große Mehrheit im Parlament für die links-liberale Scottish National Party und die Grünen“. Aber es wird eben wahrscheinlich auch dort stehen: „Reform UK werden zweitgrößte Kraft in Schottland“. Bei den letzten Wahlen vor fünf Jahren lag Reform UK in Schottland übrigens noch bei 0,2 Prozent. So schnell kann’s gehen.