Gleichberechtigung im Sport

„Be A Man!“ – Kein Ort der Chancengleichheit

von Jazz
„Be A Man!“ – Kein Ort der Chancengleichheit
Bildquelle: Montage: Redaktion; verwendete Bilder: Pixabay

Noch immer gilt der Sport als einer der letzten Orte, an dem Leistung scheinbar objektiv messbar ist: schneller, höher, stärker. Doch hinter Medaillen, Rekorden und Jubel-Bildern stehen Regeln und Erwartungen, die nicht für alle gleich sind. Während männliche Athleten für Härte, Durchhaltevermögen und Kampfgeist gefeiert werden, müssen Frauen zusätzlich gegen Vorurteile, Tabus und stereotype Rollenbilder ankämpfen.

Als die deutsche Skispringerin Agnes Reisch wegen starker Periodenschmerzen auf einen Testsprung verzichtete, ging es plötzlich nicht mehr um Sport, sondern stattdessen um abwertende Kommentare, Spott und die Frage, wie viel Sichtbarkeit des weiblichen Körpers im Leistungssport überhaupt erlaubt ist. In kürzester Zeit füllten sich soziale Netzwerke mit hämischen Reaktionen: von „Ausrede“ über „peinlich“ bis hin zu der Forderung, sie solle „einfach die Pille nehmen“. Was als persönliche gesundheitliche Entscheidung begann, wurde zum öffentlichen Tribunal und zu einem Beispiel dafür, wie schnell Athletinnen ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, sobald sie körperliche Grenzen sichtbar machen. Die italienische Biathletin Dorothea Wierer sprach ebenfalls offen darüber, sich wegen ihrer Periode nicht zu 100 % leistungsfähig zu fühlen. Doch statt Verständnis dominiert auch hier Spott: „So eine Ausrede habe ich ja noch nie gehört.“ Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass schwere gesundheitliche Folgen drohen können, wenn Athletinnen ihren Zyklus ignorieren. Wie wenig Respekt sportlichen Leistungen von Frauen immer noch entgegengebracht wird, zeigte sich auch nach einem olympischen Triumph des US-Eishockey-Teams der Männer. Donald Trump scherzte im Telefonat mit den Goldmedallisten, dass auch das Frauenteam eingeladen werden müsse, sonst drohe ihm ein Amtsenthebungsverfahren. Die Reaktion: Gelächter. Die Ironie dieses Moments liegt auch in den Zahlen: Seit der Einführung des Frauen-Eishockeys bei Olympia 1998 standen die US-Spielerinnen jedes Mal auf dem Podium und gewannen acht Medaillen, darunter dreimal Gold. Die Männer spielen wiederum bereits seit 1920 und holten dieses Jahr ihre dritte Goldmedaille. Was die Männer erst in einem Jahrhundert erreichten, schafften die Frauen in weniger als drei Jahrzehnten. Dennoch werden ihre Erfolge belächelt statt gewürdigt.

Auch in der medialen Darstellung bleibt die sportliche Leistung von Frauen häufig zweitrangig. Als die niederländische Eisschnellläuferin Jutta Leerdam olympisches Gold gewann, kommentierten die Schlagzeilen nicht etwa ihre Zeit oder Technik, sondern ihre Beziehung zum Influencer und Boxer Jake Paul. Statt sportlicher Analyse dominierten Spekulationen über ihr Liebesleben und Familienplanung. Ähnlich erging es der Eiskunstläuferin Anastasiia Gubanova, deren starke Kür von einem flapsigen Hinweis des männlichen Kommentators begleitet wurde, sie sei leider schon vergeben. Meinungsmache berichtete. Im Eiskunstlauf der Frauen wird zudem regelmäßig die „richtige Figur“ und knappe Kleidung thematisiert, während bei Männern Technik und Schwierigkeit im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig existiert die Nordische Kombination, eine Disziplin bestehend aus Skispringen und Skilanglauf, bei Olympia weiterhin ausschließlich für Männer; auf struktureller Ebene ein Indikator dafür, wessen Leistungen wirklich als relevant gelten. Auch im Fußball zeigt sich die Ungleichbehandlung deutlich. Obwohl Übertragungsrechte vorhanden sind, verzichten öffentlich-rechtliche Sender nach wie vor darauf, Champions-League-Spiele der Frauen auszustrahlen. Weniger Sichtbarkeit bedeutet weniger Sponsoren, geringere Einnahmen und langsameres Wachstum. Frauenfußball ist in nahezu allen Bereichen strukturell benachteiligt, von Nachwuchszentren über Marketing bis hin zur finanziellen Förderung. Aussagen wie jene des ehemaligen Nationalspielers Mario Basler, Fußball sei „nichts für Frauen“ und Mädchen sollten lieber Tennis spielen, weil das „sexy“ sei, verdeutlichen, wie hartnäckig sich die Erwartung hält, Frauen müssten im Sport vor allem ästhetisch wirken.ℹ︎ Wenn Frauen grätschen, schwitzen und im Zweikampf alles geben, widerspricht das dem Bild weiblicher Anmut.

Diese Beispiele stehen stellvertretend für ein System, in dem Frauen im Sport weniger verdienen, weniger mediale Aufmerksamkeit erhalten, aber gleichzeitig strengeren sozialen Erwartungen unterliegen. Sie sollen Leistung bringen, aber nicht zu aggressiv wirken; Ehrgeiz zeigen, aber gefällig bleiben; gewinnen, aber dabei bitte attraktiv aussehen. Emotionen werden als Schwäche ausgelegt, körperliche Härte als unweiblich interpretiert. Der weibliche Körper wird sexualisiert, bewertet und kommentiert, während sportliche Leistungen relativiert werden. Der Sport inszeniert sich gern als Ort der Chancengleichheit. Doch solange Athletinnen ihre körperlichen Bedürfnisse rechtfertigen müssen, ihre Erfolge als nebensächlich belächelt und ihre Körper stärker bewertet werden als ihre Leistungen, bleibt Gleichberechtigung nur ein Versprechen statt Realität. Um Herabwürdigung von Leistung und chronische Ungleichbehandlung im Frauensport endlich zurückzulassen, muss man sich von diesem toxischen Anspruch verabschieden. Vielleicht ist es an der Zeit, den unausgesprochenen Imperativ zu hinterfragen, der noch immer über vielen Karrieren von Sportlerinnen schwebt: stark sein, durchhalten, keine Schwäche zeigen. Kurz gesagt: „Be a man!“


Die Quellenangabe erfolgt über das im Text verlinkte ℹ︎.


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