Einflussnahme auf den US-Präsident

Das Ohr des Königs: Warum Donald Trump Grönland wirklich will

von Mara
Das Ohr des Königs: Warum Donald Trump Grönland wirklich will
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'Wolf Hall' war die Residenz des englischen Königs Heinrich VIII im 16. Jahrhundert. Ein Ort von Intrigen, Bestechung und persönlicher Bereicherung. Hier vollzog sich ein fundamentaler Wandel hinsichtlich der Art und Weise, wie und von wem das Land regiert wurde – weg von institutioneller Autorität, politischer Erfahrung und traditionellen Hierarchien, hin zu Einflussnahme durch persönliche Beziehungen und Korruption. Die impulsive und brutale Herrschaft des Königs erschuf ein Klima, das von Unsicherheit, Instabilität und Unberechenbarkeit geprägt war.

Die Journalisten Helen Pidd und Tom Burgis vom britischen Guardian diskutieren in ihrem Podcast 'Full Story' die Hintergründe zu der Motivation von US-Präsident Donald Trump, Grönland unter seine Kontrolle zu bringen. ℹ︎ Trump begründet das Interesse an Grönland mit nationalen Sicherheitsinteressen, der geografisch strategischen Lage der Arktikinsel, und Zugang zu Seltenen Erden. Die Analyse von Pidd und Burgis zeigt jedoch auf, dass die wahren Beweggründe ganz andere zu sein scheinen. 

Trumps Interesse an Grönland ist nicht neu: Das Thema kam bereits in seiner ersten Präsidentschaft auf. Aber während anfänglich nur davon gesprochen wurde, die Insel zu kaufen, steht nun ganz offen die Drohung einer gewaltsamen militärischen Annektierung im Raum. Verständlicherweise sind davon weder die Dänen noch die Grönländer selbst sonderlich angetan. Rote 'Make America Go Away'-Kappen, als Parodie auf die allgegenwärtigen 'Make America Great Again'-Hüte der Trump-Anhänger, verbreiteten sich in den letzten Wochen mit steigender Beliebtheit. ℹ︎

Aber wo hat das alles angefangen? – Man kann mit gutem Gewissen behaupten, dass Trump vor seiner ersten Amtszeit nicht einmal in der Lage gewesen wäre, Grönland auf einer Landkarte zu finden. Es war kein Thema, das in seinem Wahlkampf eine Rolle spielte.

Der ehemalige Sicherheitsberater von Trump John Bolton berichtet in einem Gespräch mit Burgis, dass er eines Tages unvermittelt ins Oval Office gebeten wurde. Donald Trump habe ihm gesagt, dass er gerade mit einem einflussreichen Unternehmer und Freund telefoniert habe und dass dieser Freund denke, die Vereinigten Staaten sollten Grönland kaufen. Für Bolton ist das zu dem Zeitpunkt nicht mehr als eine etwas seltsame Anekdote. Zunächst passiert nichts weiter, bis Trump im August 2019 ein Photoshop-Bild auf Twitter teilte, auf dem ein riesiges goldenes Trump-Tower-Hochhaus ein kleines grönländisches Fischerdorf überschattet, begleitet von dem Kommentar: „I promise not to do this to Greenland!“ Es sollte offenbar als lustiger Scherz gemeint sein und die allgemeine Reaktion befand sowohl das Bild als auch die Überlegung, Grönland kaufen zu wollen, als absolut absurd.

Jemand, der das nicht absurd fand, war Ronald Lauder. Er ist derjenige, der Trump diesen Floh ursprünglich ins Ohr gesetzt hatte. Lauder ist Milliardär und Erbe des 'Estée Lauder' Kosmetik-Konzerns. Er und Trump kennen sich seit den 1960er Jahren, beide studierten an der Business School in Pennsylvania. Unter der Regierung von Ronald Reagan in den 1980er Jahren begann Lauders politische Karriere und Einflussnahme. Als Mitglied der Republikaner kandidierte Lauder 1989 für das Amt des Bürgermeisters von New York City – und verliert gegen den Konkurrenten Rudy Giuliani.

Erst als Trump ins Weiße Haus gewählt wird, taucht Lauder wieder auf der politischen Bühne auf. Seit langer Zeit spendet Lauder große Summen Geld an die republikanische Partei sowie an Organisationen, die Trump nahestehen. Auch dessen Wahlkampf 2020 hatte Lauder finanziell kräftig unterstützt. Die Beziehung zwischen den beiden Männern aus New York City scheint so eng zu sein, dass der Präsident für Lauder nur einen Telefonanruf entfernt ist.

Hier öffnet sich ein Fenster, das uns Einblick gibt, wie Donald Trump offenbar zu vielen seiner erratischen Ansichten und Entscheidungen kommt. In dieser US-Regierung gibt es keine Doktrin, keine Philosophie, keinen politischen oder moralischen Leitfaden. Es gibt einen Kreis an sehr reichen und sehr einflussreichen Menschen, viele von ihnen im rechtskonservativen oder rechtsnationalen Lager, die direkten Zugang zum Ohr des Präsidenten haben. Sie können ihn anrufen, erreichen ihn über soziale Medien und Fox News oder spielen mit ihm Golf.

Ronald Lauder und Donald Trump sind es als Großinvestoren und Immobilienunternehmer gewohnt, Dinge zu kaufen und zu besitzen: Große Dinge, ganze Straßenzüge. Je größer, desto besser. Lauder ist der erste, der Trump ins Ohr flüstert: „Guck mal, die große Insel da, die sollte uns gehören. Die solltest du kaufen.“

In Trumps zweiter Amtszeit wird immer deutlicher, was auch vorher schon der Fall war: Zugang zum US-Präsidenten gibt es gegen Geld. Gehör findet, wer dafür zahlen kann. Lauder ist einer der Menschen, die es sich leisten können, zu zahlen. Er unterstützt in einer Kolumne in der New York Post Donald Trump in dem Vorhaben, Kontrolle über Grönland zu gewinnen. ℹ︎ Er sagt, die Pläne seien nicht absurd, sondern strategisch. Die Insel sei wichtig für nationale Sicherheitsinteressen und für die Versorgung mit Seltenen Erden.

Nun hat sich Lauder auch in grönländischen Firmen als Investor eingekauft, wie auch die dänische Zeitung Politiken berichtet. Eine der Firmen ist Greenland Water Bank, eine bislang sehr kleine Firma, die eine Lizenz zur Förderung und Abfüllung von Mineralwasser besitzt. Wie klein? Die Firmenbilanzen von 2024 zeigen, dass die Firma 20.000 Kronen (etwa 2.700 Euro) Verlust gemacht hat und lediglich 37.000 Kronen (etwa 5.000 Euro) Personalkosten hat. 

Die Investoren haben angeblich große Pläne, das Wasser auf den amerikanischen und globalen Luxuswassermarkt zu exportieren. Anlass zur Skepsis über die wahren langfristigen Pläne sollte laut Politiken allerdings auch der Name der Investorengruppe geben: 'Greenland Development Partners LLC'. Rasmus Sinding Søndergaard, leitender Wissenschaftler am dänischen Institute for International Studies, sagte dazu: „Es ist möglich, dass Greenland Development Partners eine reine private Initiative ist, aber es ist auch eine politische Agenda denkbar, die auf die Kontrolle über Grönland abzielt. Deswegen würde ich sicherlich denken, dass es Anlass zur Vorsicht gibt. Besonders, wenn ein Mann wie Ronald Lauder involviert ist.“ ℹ︎

Und diese Beeinflussbarkeit von Trump erkennt man nicht nur im Fall von Grönland. Während rund um das Thema Seltene Erden in Grönland von Lauder bislang nicht viel zu hören war, scheint er dagegen in der Ukraine durchaus Interessen im Minenbau zu haben. Als Teil eines Konsortiums, das Minenrechte an einem Lithiumfeld in der Ukraine gewonnen hat, dürfte sein Interesse an dem 'Ukraine–United States Mineral Resources Agreement' groß gewesen sein. Das Wirtschaftsabkommen war im April 2025 geschlossen worden, nachdem der US-Präsident darauf als Bedingung für weitere militärische Unterstützung der Ukraine bestanden hatte.

In Zeiten, in denen eine Absurdität von Donald Trump die nächste zu jagen scheint, fällt es manchmal schwer, sich an Zeiten zu erinnern, in denen politische Entscheidungsfindungen noch anders abliefen, oder zumindest nicht so unverhohlen. Eine funktionierende Demokratie beruht, zumindest in der Theorie, darauf, dass es eine Gewaltenteilung und gegenseitige Kontrolle gibt, die darauf einwirken, dass politische Entscheidungen im Interesse der Gesamtgesellschaft getroffen werden. Dies ist das Gegenteil.

Wem immer es gelingt, sich Zugang und Gehör bei Donald Trump zu verschaffen, kann sich dadurch nicht nur persönlich immens bereichern, sondern das mittlerweile auch ganz offen vor aller Augen tun, ohne Angst vor Auswirkungen. Der völlige Zusammenbruch jeglicher Trennung von politischer Macht und finanziellen Geschäftsinteressen ist auch deswegen bemerkenswert, weil er auf offener Bühne geschieht. Die Welt sieht zu, wie das Weiße Haus zu 'Wolf Hall' wird, wo Einflüsterungen in das Ohr des Königs und Tribute an den tyrannischen Herrscher die Politik bestimmten.


Die Quellenangabe erfolgt über das im Text verlinkte ℹ︎.

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