Gary Lineker, Ex-Fußball-Nationalspieler von England und mehr als 25 Jahre lang Moderator der Sport-Sendung ‘Match of the Day’, war der Auslöser für einen der größten Skandale in der Geschichte der öffentlich-rechtlichen British Broadcasting Corporation (BBC).
2023 hatte Lineker in zwei Tweets den geplanten ‘Illegal Migration Act’ der damaligen rechtskonservativen Innenministerin Suella Braverman kritisiert und die Rhetorik der Regierung im Zusammenhang mit Migranten und Geflüchteten mit der Rhetorik von Nazideutschland in den 1930er Jahren verglichen. ℹ︎ Er hatte genau genommen die Wortwahl der Regierung kritisiert, die seit langem immer schärfer geworden war und das öffentliche Klima in Bezug auf Migranten immer weiter vergiftete. Daraufhin beschwerten sich Braverman sowie andere rechte Politiker und Regierungsmitglieder bei dem Programmdirektor der BBC über Lineker, woraufhin dieser gefeuert wurde. ℹ︎ Die Folge: ein gewaltiger Shitstorm im ganzen Land.
Das Problem der BBC mit Lineker war nämlich, dass er über politische Zugehörigkeitsgrenzen hinweg beliebt und hoch geschätzt ist. Auch bei Menschen, die eigentlich gar nichts mit Fußball am Hut haben. Seit vielen Jahren setzt sich Lineker konsequent für Asyl- und Menschenrechte ein und macht unter anderem auch immer wieder auf das Leid der palästinensischen Bevölkerung in Gaza aufmerksam. Als ihm einmal gesagt wurde, „he should put his money where his mouth is“, also dass er seinen Worten bitte auch Taten folgen lassen solle, nahm er einen Geflüchteten in seinem eigenen Haus auf. ℹ︎
Die offizielle Begründung für die Entlassung Linekers von Seiten der BCC lautete damals, er habe die ‘impartiality policy’ der BBC verletzt, also gegen das Neutralitätsgebot verstoßen. So recht glauben konnte ihnen das aber niemand.
Auch politisch uninteressierte Menschen wurden bei dem Fall hellhörig: Wenn eine Regierung die Kündigung eines Journalisten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erzwingen kann, könnte jeder der Nächste sein, der ihr ungelegen kommt.
Das Bild der unabhängigen und moralisch integren BBC begann zu bröckeln. Eine, laut des eigenen Selbstverständnisses, neutrale Institution machte sich nun gemein mit einer rechts-konservativen Regierung und setzte deren Wünsche nach Zensur um. Denn genau das war der Fall Lineker: Der Versuch, kritische öffentliche Stimmen gegenüber der amtierenden Regierung zum Schweigen zu bringen.
Mit dem Fall wird die Fehlerhaftigkeit des Neutralitätsprinzips im öffentlich-rechtlichen Rundfunk offensichtlich, nicht nur in England: Es kann und darf keine Neutralität geben, wenn es um Menschenrechte, Menschenwürde und Rassismus geht. Menschenfeindlichkeit und menschenfeindlicher Rhetorik darf nicht derselbe Platz und dieselbe Validität eingeräumt werden, wie Aussagen die dagegenhalten.
Auch in Deutschland ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk laut Paragraph 26 des Medienstaatsvertrags zu Neutralität in Form von „Objektivität und Unparteilichkeit“ verpflichtet. ℹ︎ Und auch in Deutschland ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht frei von politischem Einfluss, beispielsweise in Form von Aufsichtsgremien und Rundfunkräten. Das bayerische Rundfunkgesetz sieht vor, dass der Vorsitz des Verwaltungsrats vom jeweiligen Präsidenten des Landtags übernommen wird. Mehr als ein Viertel der Mitglieder im BR Rundfunkrat vertreten eine Partei im bayerischen Landtag. ℹ︎ Nur ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Deutschland, nämlich der WDR, stellt überhaupt detaillierte Informationen zu seinen 109 Aufsichtsratsmitgliedern bereit, von denen insgesamt 23 ein parteipolitisches Amt haben. Wenn ein Viertel der Aufsichtsratsposten eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders von Politikern besetzt wird, die ein aktives parteipolitisches Amt haben, ist das dann noch Neutralität im Sinne des Medienstaatsvertrags, der ja von „Unparteilichkeit“ spricht? Auch eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung kam zu dem Ergebnis, dass der politische Einfluss in den Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks weit über die gesetzlich vorgeschriebene Präsenz hinaus gehe. ℹ︎
Dazu kommt, dass auch Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen teils sehr gut bezahlten Nebentätigkeiten nachgehen dürfen. Die Höhe der Honorare muss dabei übrigens nicht angegeben werden. Die Liste bekannter ÖRR-Namen, die sich lukrative Nebeneinkünfte gesichert haben, ist lang: Tom Buhrow, der gerne von Banken gebucht wird und dafür 20.000 Euro verlangen kann, Claus Kleber, Petra Gerster, Anja Kohl, Peter Hahne. ℹ︎ Als freier Journalist darf man das natürlich. Aber man darf und sollte auch die Frage stellen: Kann man einen Bankdirektor dann tatsächlich noch neutral interviewen, wenn man am Tag zuvor für die gleiche Bank für viel Geld eine Podiumsdiskussion moderiert hat? Kann man tatsächlich noch unabhängig über ein Unternehmen berichten, für das man zuvor noch Werbung gemacht hat? Und kann man Politiker und deren Positionen und Sprachgebrauch kritisch analysieren und einordnen, wenn einem das Gehalt für das Gespräch von Wirtschaftsunternehmen gezahlt wird, die eben jenen Politikern nahestehen?
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk darf seine Verpflichtung zu Unparteilichkeit nicht falsch verstehen. Neutralität bedeutet nicht, dass jede Meinung gleich viel wert sei oder die gleiche Aufmerksamkeit verdient hätte. Unwahrheiten müssen klar benannt, Desinformationen korrigiert und menschenfeindliche Sprache und Positionen angeprangert werden.
Vor dem Hauptquartier der BBC in London steht eine Statue von George Orwell. Auf der Wand daneben ist zu lesen: „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Gary Lineker hat genau das getan und die Konsequenzen politischer Einflussnahme auf seinen Arbeitgeber BBC zu spüren bekommen. Angesichts zunehmender rechtsextremer, menschenfeindlicher Rhetorik, die in vielen Ländern, in vielen politischen Parteien, und auf vielen, auch öffentlich-rechtlichen, Plattformen immer mehr Gehör findet, wäre es vielleicht an der Zeit, ein bisschen öfter „fuck impartiality“ zu sagen.
Nachwort: Lineker wurde nach einer Weile wieder in seinen Job als Moderator von ‘Match of the Day’ zurückgeholt. Er hat seine Kritik an Suella Braverman und dem damaligen Innenministerium nie zurückgenommen.
Die Quellenangabe erfolgt über das im Text verlinkte ℹ︎.