Zwischen Krise und Wandel: Wo Deutschlands Wirtschaft noch punktet
Wo die deutsche Wirtschaft ihre Stärken hat
Trotz hoher Kosten, Bürokratie und wachsendem Konkurrenzdruck verfügt die deutsche Wirtschaft weiterhin über wichtige Stärken auf den Weltmärkten. Nach Einschätzung von Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft liegen diese dort, wo sie schon lange verankert sind. Dazu zählen hohe Qualität, Innovationskraft, Kundenorientierung und begleitende Serviceleistungen. Vor allem im Maschinenbau, in der Autoindustrie, der Chemie- und Pharmabranche, der Medizintechnik sowie in Teilen der Elektroindustrie sind deutsche Unternehmen weiterhin stark vertreten. In zahlreichen spezialisierten Nischen und einzelnen Warengruppen halten sie noch immer sehr hohe Exportanteile, auch wenn diese Dominanz insgesamt rückläufig ist.
Zugleich befindet sich die Industrie im Wandel. Viele Unternehmen entwickeln sich von reinen Produzenten hin zu Anbietern umfassender Dienstleistungen wie Montage, Wartung und Beratung. „Gerade im Mittelstand gibt es immer noch sehr viele Weltmarktführer, die aus Deutschland kommen. Das heißt, wir haben einen riesigen Erfahrungsschatz angesammelt, den wir jetzt entsprechend umdenken müssen“, erklärt der Ökonom Martin Lück von Macro Monkey. Er betont, dass Industrie heute weniger als klassischer Produktionsstandort, sondern stärker als wissens- und lösungsorientiertes Arbeitsumfeld gedacht werden müsse. „Nicht mehr als den klassischen rauchenden Schlot, sondern vielleicht eher als das Großraumbüro, in dem die Computer glühen und die Menschen die Köpfe zusammenstecken und beste Lösungen im Sinne der Kunden finden.“
Als zentrale Zukunftsstärke gilt weiterhin die Forschung. Edgar Walk von Metzler Asset Management bezeichnet Deutschland als „extrem starkes Forschungsland“ mit exzellenter Grundlagenforschung, etwa in der Künstlichen Intelligenz oder der Medizintechnologie. Walk sieht hierin jedoch gleichzeitig eines der Kernprobleme für die deutsche Wirtschaft. „Innovationskraft heißt ja, dass aus Grundlagenforschung Produkte und Innovationen entstehen. Darin sind wir leider noch nicht so gut.“
Experten sehen Reformbedarf, um Innovationen in Deutschland zu stärken. Fehlende Finanzierung, hohe Regulierung und starre Arbeitsmarktregeln erschweren es vor allem jungen Unternehmen, Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte zu überführen, sodass viele Gründer ins Ausland abwandern. Trotz eines starken Innovations-Ökosystems und der dualen Ausbildung fordern Fachleute mehr Investitionen in Bildung sowie bessere Rahmenbedingungen für Wagniskapital und unternehmerisches Risiko.