Vier Kilometer unter der Meeresoberfläche fährt ein ferngesteuertes Kettenfahrzeug über den weichen Ozeanboden. Es nimmt Manganknollen und Schlamm auf, pumpt das Gemisch durch ein kilometerlanges Steigrohr zu einem Schiff und hinterlässt breite Fahrspuren. Feine Partikel bilden eine Sedimentwolke. Tausende Tonnen Manganknollen werden erfolgreich an die Oberfläche befördert.
Tiefseebergbau ist längst keine Zukunftsvision mehr. Politisch und rechtlich bleibt er jedoch ein Experiment. Staaten, Unternehmen und Umweltorganisationen streiten um Rohstoffe, Fördertechnik, Lieferketten, Haftung und die Auslegung des internationalen Seerechts. Dieser „Rohstoffkrieg“ ist kein militärischer Konflikt, sondern ein wirtschaftlicher, technologischer und juristischer Verteilungskampf.
Warum der Meeresboden wertvoll ist
In der Tiefsee gibt es drei besonders relevante Lagerstättentypen: Polymetallische Manganknollen liegen lose auf großen Tiefseeebenen und enthalten unter anderem Mangan, Nickel, Kupfer und Kobalt; Kobaltreiche Mangankrusten wachsen an den Flanken von Tiefseebergen; Und an hydrothermalen Quellen entstehen Massivsulfide, die Kupfer, Zink, Gold und Silber enthalten können. ℹ︎
Diese Metalle werden für Stromnetze, Elektromotoren, Batterien, Elektronik, Luftfahrt und militärische Technologien benötigt. Der steigende Bedarf wird deshalb häufig als Argument für neue Fördergebiete genutzt. Die Internationale Energieagentur erwartet bis 2040 etwa eine Verfünffachung der Lithiumnachfrage, eine Verdoppelung bei Nickel und Graphit sowie einen deutlichen Anstieg bei Kobalt, seltenen Erden und Kupfer. ℹ︎
Für die Energiewende ist Tiefseebergbau dabei allerdings nicht zwingend notwendig: Manganknollen enthalten weder Lithium noch Graphit. Zudem verändern neue Batterietypen den Rohstoffbedarf: Lithium-Eisenphosphat-Batterien (kurz LFP-Batterien) kommen beispielsweise ohne Nickel und Kobalt aus. Durch Recycling könnte nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur der Bedarf an neu geförderten Rohstoffen bis 2040 deutlich sinken. ℹ︎
Rohstoffbedarf ist daher keine feste Größe, um die Wichtigkeit des Tiefseebergbaus zu bemessen. Er hängt davon ab, welche Technologien sich durchsetzen, wie langlebig Produkte sind, wie viele Rohstoffe recycelt werden und welche Verkehrs- und Konsummodelle Industriestaaten verfolgen.
Der Wettlauf um die Clarion-Clipperton-Zone
Das wichtigste Zielgebiet für Tiefseebergbau ist die Clarion-Clipperton-Zone zwischen Hawaii und Mexiko. Auf ungefähr sechs Millionen Quadratkilometern lagern dort schätzungsweise 21,1 Milliarden Tonnen Manganknollen. ℹ︎
Rohstoffaktivitäten in internationalen Gewässern werden von der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) verwaltet. Ihre rechtliche Grundlage ist das „Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen.” Dieses Übereinkommen bezeichnet den Meeresboden außerhalb nationaler Hoheitsgebiete und seine Ressourcen als gemeinsames Erbe der Menschheit. Kein Staat darf dort Souveränität beanspruchen. Wirtschaftliche Vorteile sollen gerecht verteilt und die Interessen von Entwicklungsländern berücksichtigt werden. ℹ︎ Die ISA soll die Nutzung der Rohstoffe organisieren und gleichzeitig die Meeresumwelt schützen. Dieselbe Behörde vergibt aber auch gleichzeitig Explorationsverträge.
Bis Ende Januar 2026 waren 31 solcher Explorationsverträge in Kraft. ℹ︎ Kommerziellen Tiefseebergbau hatte die ISA zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht genehmigt. ℹ︎
Parallel beschleunigen die USA aber bereits ein eigenes Genehmigungsverfahren für Tiefsee-Förderung. Die Vereinigten Staaten haben das Seerechtsübereinkommen nicht ratifiziert und berufen sich auf nationales Recht. Die ISA betrachtet eine einseitige Förderung außerhalb ihres Systems dagegen als Verstoß gegen die internationale Meeresbodenordnung. Die Europäische Union versucht derweil, eigene Förderung, Verarbeitung und Rohstoff-Recycling auszubauen.
Rohstoffsicherheit oder ökologisches Experiment?
Konflikte sind allerdings nicht nur zwischen konkurrierenden Staaten vorprogrammiert. Befürworter verweisen auf eine breitere Rohstoffversorgung, eine geringere Abhängigkeit von einzelnen Förderländern und weniger ökologische Schäden. Unter Wasser werden keine Wälder gerodet, keine offenen Tagebaue angelegt, die Umwelt, Menschen und Tieren schaden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Abbau umweltfreundlich ist. Manganknollen wachsen über Millionen Jahre und dienen selbst als Lebensraum. Ein Artenkatalog für die Clarion-Clipperton-Zone erfasste 5.578 Tierarten. Nur 436 davon waren wissenschaftlich benannt. ℹ︎
Bei einem Versuch von The Metals Company und Allseas wurden 2022 in rund 4.300 Metern Tiefe Manganknollen gefördert. Zwei Monate später war die Dichte größerer Bodentiere in den befahrenen Spuren um 37 Prozent gesunken, die Zahl der Arten um 32 Prozent. ℹ︎
Langzeituntersuchungen zeigen, dass Spuren früherer Abbauversuche noch Jahrzehnte später sichtbar bleiben. Auch biologische Veränderungen waren nach mehreren Jahrzehnten weiterhin nachweisbar, obwohl sich einzelne Populationen teilweise wieder angesiedelt hatten. ℹ︎
Wie schwerwiegend diese Auswirkungen sind und wie lange sie anhalten, hängt auch von der eingesetzten Technik, Strömungsverhältnissen und dem jeweiligen Standort ab. Sicher ist aber, dass direkt befahrene Flächen ihre ursprüngliche Biodiversität verlieren. Ungeklärt ist noch, welche langfristigen Folgen großflächiger Abbau auf Nahrungsketten und das gesamte Ozeansystem hätte.
Zahlreiche Staaten fordern deshalb eine vorsorgliche Pause, ein Moratorium oder ein Verbot des Tiefseebergbaus. Andere preschen vor und sichern sich derweil Explorationsflächen, Forschungsdaten und bauen technische Erfahrung aus. Eine Explorationslizenz bedeutet dabei nicht per se, dass ein Staat einen sofortigen kommerziellen Abbau unterstützt.
Aber auch wer eine Lagerstätte kontrolliert, besitzt deshalb noch keine vollständige Rohstoffmacht. Entscheidend sind auch hier Verarbeitung, Transport, Finanzierung und industrielle Abnahme. Hinzu kommen die technologischen Herausforderungen. Sammelroboter, Steigrohre und Spezialschiffe, dann Verarbeitung, Verkauf und Transport: Für einen industriellen Vorteil muss dies alles zusammenspielen und funktionieren.
Damit ähnelt der Tiefsee-Wettbewerb „traditionellen“ Konflikten um Öl, seltene Erden, Häfen und Handelsrouten: Macht entsteht nicht allein durch das Vorkommen eines Rohstoffs, sondern durch die Kontrolle und das Zusammenspiel der entscheidenden Technologien, Infrastruktur und Engpässe.
Tiefseebergbau ist bislang weniger eine unvermeidbare Lösung als eine politische Entscheidung über den Preis von Rohstoffsicherheit. Die Frage nach der tatsächlichen Wirtschaftlichkeit ist dabei allerdings noch unbeantwortet. Doch der Wettlauf ist längst in vollem Gange, obwohl auch ökologische Folgen, Risiken, Rechtsgrundlage und tatsächlicher Bedarf nicht einmal ansatzweise zur Genüge geklärt sind.