Am 24. Juli 2025 fiel das Satellitensystem Starlink weltweit für etwa zweieinhalb Stunden weitgehend aus. Der damalige Kommandeur der ukrainischen Drohnenkräfte, Robert Browdi, meldete einen Ausfall entlang der gesamten Frontlinie. Nach Angaben des Betreibers SpaceX des Tech-Milliardärs Elon Musk hatten zentrale interne Softwaredienste versagt. Die Störung beeinträchtigte damit nicht nur zivile Internetverbindungen, sondern auch militärische Operationen. ℹ︎
Der Vorfall zeigt ein Problem moderner Kriegsführung: Militärische Einsatzfähigkeit hängt nicht nur von den eigenen Waffen und Truppen ab, sondern auch von anderen Diensten, deren Betrieb außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Dabei treffen unterschiedliche Risiken aufeinander: die Entscheidungen privater Anbieter, technische Ausfälle und gezielte Angriffe auf die Infrastruktur.
Wenn der Anbieter mitentscheidet
In der Ukraine ermöglicht Starlink die Kommunikation zwischen Truppeneinheiten und Kommandostellen sowie die Übertragung von Drohnenbildern. Die vergleichsweise leicht transportierbaren Terminals wurden seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 durch SpaceX und staatliche Unterstützer bereitgestellt. Das Starlink-Netz half, ausgefallene und zerstörte Kommunikationswege zu ersetzen.ℹ︎
Doch ein funktionierender Anschluss bedeutet nicht automatisch, dass jede Nutzung erlaubt oder technisch freigeschaltet ist. Im Februar 2023 erklärte SpaceX-Präsidentin Gwynne Shotwell, das Unternehmen habe Maßnahmen ergriffen, um bestimmte militärische Anwendungen einzuschränken. Starlink sei nicht für offensive Einsätze vorgesehen gewesen. Welche technischen Eingriffe genau vorgenommen worden waren, legte sie nicht offen. ℹ︎
Dieselben Kontrollmechanismen können auch der Verteidigung dienen. Im Februar 2026 beschloss die Ukraine eine Registrierung zugelassener Starlink-Terminals, die gemeinsam mit SpaceX umgesetzt werden sollte. Dadurch sollten nur überprüfte Geräte weiter funktionieren. Anlass war nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums die Nutzung von Starlink durch russische Drohnen, die sich in das Netz eingeklinkt hatten. Hier sollte die Kontrolle des Anbieters helfen, dem Gegner den Zugang zu verwehren. ℹ︎
Damit geht es um mehr als die Frage, ob ein Privatunternehmen zuverlässigen Service liefert. Wer kritische Kommunikationszugänge freischalten oder sperren kann, beeinflusst ganz direkt die praktische Handlungsfähigkeit einer Armee. Militärische Planung muss dann auch berücksichtigen, welche Unterstützung ein externer Betreiber gewährt und wo sich genau daraus auch Schwachstellen ergeben.
GPS ist kein privates Satellitennetz
Bei Navigationssystemen liegt das Problem woanders. Das Global Positioning System (GPS) gehört dem US-Staat. Seine Satelliten und Kontrollanlagen werden von der United States Space Force betrieben. Es liefert Positions- und Zeitinformationen, während Starlink vor allem Datenverbindungen bereitstellt. Beides kann für militärische Einsätze wichtig sein, die wesentliche Infrastruktur unterscheidet sich jedoch. ℹ︎
Um Satellitennavigation zu beeinträchtigen, müssen Angreifer keine Satelliten zerstören. Es gibt andere, viel unauffälligere Methoden: Beim „Jamming“ überlagern Störsignale den Empfang. Beim „Spoofing“ werden gefälschte Satellitensignale ausgesendet, die Empfänger zu falschen Positions- oder Zeitberechnungen verleiten können. Besonders problematisch ist, dass die falschen Angaben nicht immer sofort auffallen. Die europäische Flugsicherheitsagentur EASA warnt deshalb, dass „Spoofing“ schwerer zu erkennen sein kann als ein offensichtlicher Signalausfall. ℹ︎
Die Folgen reichen über das Schlachtfeld hinaus
Wie weit sich solche Angriffe auswirken können, zeigte der Cyberangriff auf das kommerzielle Satellitennetz KA-SAT am 24. Februar 2022. Die Europäische Union machte Russland verantwortlich und erklärte, die „böswillige Cyberaktivität“ habe etwa eine Stunde vor Beginn der Vollinvasion der Ukraine stattgefunden und die militärische Aggression damit erleichtert. Schwere Kommunikationsstörungen trafen ukrainische Behörden, Unternehmen und private Nutzer, auch mehrere EU-Staaten waren betroffen. ℹ︎
Nach Angaben des Netzbetreibers Viasat wurden Zehntausende Modems vom Netz getrennt. Angreifer hatten sich Zugang zur Netzwerkverwaltung verschafft und wichtige Daten auf den Geräten überschrieben. Hinweise auf eine Beschädigung oder Kompromittierung des Satelliten selbst fand das Unternehmen nicht. Der Angriff setzte stattdessen an der Verwaltung des Netzes und den angeschlossenen Geräten an. ℹ︎
Auch Störungen der Navigation bleiben nicht auf militärische Nutzer beschränkt. In ihrem aktualisierten Sicherheitshinweis vom Juli 2026 beschrieb die EASA zunehmend ernste Konsequenzen von „Jamming“ und „Spoofing“ für den Flugverkehr, unter anderem im Ostsee- und Schwarzmeerraum: Immer wieder müssen Flugzeuge umgeleitet werden, es kommt zu Ausweichlandungen oder verzögerten Start- und Landefreigaben. Wie schwer die Auswirkungen ausfallen, hängt unter anderem von der Flugphase und der Abhängigkeit der jeweiligen Flugzeugsysteme von Satellitennavigation ab. Wiederholte Störungen sind auch eine erhöhte Belastung für Besatzungen und Fluglotsen. ℹ︎
Mehr Satelliten lösen nicht jedes Problem
Private Infrastruktur ist nicht per se ungeeignet für militärische Zwecke. Zusätzliche Anbieter und Übertragungswege können Ausfälle einzelner Systeme abfedern. Die US-Strategie von 2024 zur Einbindung kommerzieller Raumfahrt setzt ausdrücklich auf diese Vorteile. Zugleich verlangt sie, eine übermäßige Abhängigkeit von einzelnen Anbietern zu vermeiden und den Zugang zu kritischen Systemen auch im Konflikt vertraglich abzusichern. ℹ︎
Europa versucht ebenfalls, seine Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Seit Januar 2026 bündelt das EU-Programm GOVSATCOM (Governmental Satellite Communications) bestehende staatliche Satellitenkapazitäten für autorisierte Nutzer. Das Programm schafft damit besseren Zugang zu bereits vorhandenen Ressourcen. ℹ︎
Zusätzlich vereinbarte die EU-Kommission im August 2026 mit dem Industriekonsortium SpaceRISE den weiteren Aufbau der Satellitenkonstellation IRIS². Vorgesehen sind inzwischen 348 Satelliten, erste Starts sind für 2029 geplant. Zwar arbeitet auch dieses Vorhaben mit privaten Unternehmen. Der Unterschied soll aber in europäischer Kontrolle und abgesicherten staatlichen Kommunikationsdiensten liegen, nicht im vollständigen Verzicht auf private Technik. ℹ︎
Kommerzielle Anbieter grundsätzlich aus der Verteidigung zu verbannen, kann trotzdem nicht die Lösung sein. Entscheidend sind überprüfbare Zugangsregeln, zuverlässig verfügbare Alternativen und Verfahren für den Ausfall zentraler Dienste. Wer einen Satellitenanschluss bezahlt, hat damit noch längst keine Kontrolle über das System. Ohne Backup und einen Plan B kann aus einem privaten technischen Dienstleister schnell eine Instanz werden, die im Ernstfall über Krieg und Frieden entscheidet.