Gegendemonstration zum AfD-Parteitag

Erfurt: Ein Tag, zwei Blockaden, und Zehntausend friedliche Stimmen gegen Rechts

von Jakob, Jazz, und Paul

Erfurt: Ein Tag, zwei Blockaden, und Zehntausend friedliche Stimmen gegen Rechts
Bildquelle: Redaktion

Am Samstag, dem 4. Juli 2026, fand in Erfurt der Bundesparteitag der Alternative für Deutschland statt. Verschiedene Organisationen riefen zu Protesten und Sitzblockaden gegen die in Teilen rechtsextreme Partei auf. Meinungsmache war vor Ort, um die Proteste zu dokumentieren. Organisiert wurde ein großer Teil der Aktionen vom Bündnis „widersetzen“. Die AfD tagte an diesem Wochenende auf dem Erfurter Messegelände. Genau 100 Jahre nach dem zweiten NSDAP-Reichsparteitag in Thüringen. Freundlich gesagt: historisch unglücklich. Man könnte aber auch sagen: Wer diese Symbolik übersieht, der stolpert vermutlich auch über eine Reichsflagge und nennt es Inneneinrichtung.

Das Team von Meinungsmache hat sehr unterschiedliche Eindrücke von den Protesten mitgenommen. Hier berichten drei unserer Redakteur:innen von einem sehr langen Tag, zwei Blockaden, und vielen Tausend Menschen, die sich der AfD an diesem Tag in Erfurt in friedlichem Protest entgegengestellt haben.

Wie Jazz und Jakob den Tag erlebten

Fünf Uhr morgens am Gothaer Platz, Erfurt. Die morgendliche Kälte liegt noch in der Luft, als Jakob und ich am Treffpunkt einer der geplanten Blockaden ankommen. Doch von Müdigkeit keine Spur: Eine Gruppe entschlossener Demonstrant:innen hat sich bereits versammelt. Sie bereiten sich auf die geplante Aktion vor. Und dann geht auf einmal alles ganz schnell: Keine fünf Minuten später steht die Blockade. Die Protestierenden besetzen den kompletten Platz und riegeln damit die zentrale Zufahrt zum Messegelände ab. Die Behörden reagieren prompt: Binnen kürzester Zeit formieren sich vollausgerüstete Polizeikräfte, Einsatzwagen reihen sich Stoßstange an Stoßstange aneinander und rahmen die Szenerie ein. Dabei kommt es teils zu Rangeleien zwischen der Polizei und den Demonstrierenden, eine größere Eskalation blieb aus. Von den Demonstrierenden hört man in solchen Situationen lediglich den Sprechchor: „Wir sind friedlich, was seid ihr?”

Die Stimmung auf dem Platz ist überraschend gelassen, es erinnert fast schon an ein Festival. Um die Zeit zu überbrücken, hallen immer wieder Sprechchöre durch die Straßen, es gibt Musik und sogar Live-Bands. Es wirkt wie ein großes politisches Picknick: In der einen Ecke wird entspannt Karten gespielt, nur ein paar Meter weiter wird getanzt. Immer wieder stoßen neue Gruppen dazu. Schließlich erreicht ein riesiger lautstarker Demozug des Deutschen Gewerkschaftsbundes den Platz. Die Blockierer:innen öffnen routiniert die Reihen, lassen die Menschenmasse passieren und schließen nach einer guten halben Stunde die Lücke wieder. Der Zug zieht weiter, hinauf zum Messegelände. Wir schließen uns dem Strom an und machen uns an den Aufstieg zum Messegelände.

Das Bild, das sich uns dort bietet, ist beeindruckend. Vor den weiträumigen Absperrungen der Polizei erstreckt sich ein Meer aus Menschen, viele tausende Protestierende verteilen sich auf der riesigen Fläche. Auch für die Infrastruktur des Protests ist gesorgt: Essens- und Getränkestände sichern die Versorgung, auf einer großen Hauptbühne gibt es ein dichtes Programm aus Reden und Performances.

Inmitten dieses Trubels treffen wir auf bekannte Gesichter: Aykut von Klare Kante und Der Dara sind vor Ort, genauso wie Hessencam und weitere Akteure aus der politischen Youtube-Szene. Ab jetzt ziehen wir gemeinsam als Gruppe über das Gelände, sprechen mit Menschen auf beiden Seiten des Protestes. Unter anderem treffen wir auf rechte Streamer wie WeichreiteTV und den Aktivisten Björn Banane. Obligatorisch mit einem Helm vor linksextremen Angriffen geschützt; brauchen werden sie ihn nicht.

Als wir uns am Ende des Tages auf den Rückweg zur ursprünglichen Sitzblockade machen, freuen wir uns nochmal über ein ganz persönliches Highlight. Wir begegnen zahlreichen Menschen und Unterstützer:innen aus unserer Community, viele in unübersehbaren T-Shirts von Gottlos auf Mutter. Und hier treffen wir nun auch endlich auf Paul, der uns erzählte, wie sich sein Tag bis dahin zugetragen hatte.

Wie Paul den Tag erlebte

Ich fahre mitten in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli los. In einer größeren Stadt treffe ich mich zunächst mit anderen Pressevertreter:innen, die ebenfalls Aktionen der Gruppe „Der grüne Finger” dokumentieren wollen. Die Gruppe ist auf dem Weg, um Zufahrten zum AfD-Parteitag zu blockieren.

Kurz nach 5 Uhr morgens komme ich in der Nähe von Erfurt an. Etwa zehn bis 15 Kilometer vor der Stadt werden die Busse von der Polizei aufgehalten. Viele Menschen laufen zu Fuß weiter, um die Autobahn zu blockieren. Ich bewege mich ungefähr einen halben Kilometer vor der eigentlichen Demonstration.

Dabei treffe ich auf eine Polizeistaffel. Mir wird gesagt, dass die Straße nun gesperrt sei und ich dort nicht gehen dürfe. Ich versuche zu erklären, dass ich nicht Teil der Blockade bin, sondern lediglich aus Pressesicht dokumentiere. Meine Erklärung findet aber kein Gehör. Stattdessen werde ich angebrüllt, ich solle umdrehen. Also drehe ich um.

Während ich zurück zur Demonstrationsgruppe gehe, schubst mich ein Polizist von hinten. Ich stolpere, kann mich aber auffangen. Dann werde ich erneut geschubst. Dabei befolge ich die Anweisung bereits: Ich bewege mich von der Sperrung weg, zeige Gehorsam und behindere absolut niemanden. Inwiefern mein Verhalten eine Provokation für den Beamten dargestellt haben soll, ist mir unverständlich.

Die Menschen im Demozug laufen mit einem Banner friedlich auf die Polizei zu. Ohne erkennbare Vorwarnung kippt die Lage plötzlich, es wird gewaltsam. Die Polizei setzt Schlagstöcke gegen Demonstrierende ein. Der Zug bewegt sich mehrfach vor und zurück.

Dann weicht die Polizei bis zu einer Kreuzung zurück. Ich laufe mit anderen Pressevertreter:innen an dem Demozug vorbei. Auch dort beobachte ich erneut Gewalt gegen Demonstrierende. Einige versuchen, sich mit aufblasbaren Krokodil-Luftmatratzen zu schützen. Die Absurdität dieses Bildes fasst den Morgen und die Unverhältnismäßigkeit der Polizeireaktion in dieser Situation gut zusammen: Auf der einen Seite Schlagstöcke, auf der anderen ein aufblasbares Plastik-Krokodil.

Sanitäter:innen behandeln mehrere Verletzte. Einige wirken schwerer verletzt. Später kommen Anwält:innen nach vorne, um mit der Polizei zu sprechen. Ich beobachte, wie auch sie zum Teil geschubst werden. So etwas habe ich auf einer Demonstration bisher noch nie erlebt. Normalerweise sind Anwält:innen von körperlichen Angriffen ausgenommen, da ihr Status meistens eine Gewaltreaktion der Behörden verhindert. Nicht so in diesem Fall in Erfurt.

Dann trifft eine zweite Polizeieinheit ein. In dieser Phase höre ich, wie ein Einsatzverantwortlicher sinngemäß sagt, er habe die eigenen Leute nicht mehr unter Kontrolle. Einzelne Polizisten hätten immer wieder auf stehende Demonstrierende eingeschlagen, andere Beamten hätten sie dabei unterstützt.

Dann wird ein Panzerwagen angefordert. Von der Demonstration geht nach meiner Wahrnehmung zu dieser Zeit keine aktive Gewalt oder Bedrohung aus. Was ich sehe, ist, wie Menschen zurückweichen und versuchen, sich vor Schlagstöcken zu schützen. Der Panzerwagen erscheint am Ende nicht. Die Anforderung des Wagens wird dem Demozug meines Wissens nach auch nicht kommuniziert. Vielleicht wird selbst den Beamten im Panzerwagen irgendwann klar, dass ein paar aufblasbare Krokodile nicht zwingend paramilitärisches Gerät erfordern.

Nach dem Gespräch mit den Anwält:innen heißt es, die Gruppe müsse umdrehen. Also drehen wir um. Der Plan ist nun, eine andere Autobahn zu blockieren. Unterwegs trenne ich mich von der Gruppe, weil ich mich mit Jakob und Jazz auf dem Gothaer Platz treffen will.

Als ich dort ankomme, tauschen wir unsere Erlebnisse und Perspektiven aus. Während Jazz und Jakob den Protest über viele Stunden als große, bunte und erstaunlich gelassene Blockade erlebt haben, komme ich aus einer deutlich chaotischeren Situation nur knapp vor der Stadtgrenze.

In diesem Moment wird deutlich klar, wie viele unterschiedliche Facetten ein und dieselbe Demonstration haben kann: Auf der einen Seite eine solidarische, kreative und unübersehbare Protestbewegung. Auf der anderen Seite eine erschreckende polizeiliche Härte gegen überwiegend friedlichen Protest, die in mehreren von uns beobachteten Situationen kaum verhältnismäßig wirkte. Am Ende standen Schlagstöcke gegen Plastik-Krokodile, rangelnde Beamte gegen ruhig argumentierende Anwält:innen, und eine Presse, die zwischen all diesen Seiten navigieren musste.

Die Blockaden konnten den AfD-Bundesparteitag nicht verhindern. Aber sie haben sichtbar gemacht, dass ein Parteitag der rechtsextremen AfD nicht ohne Widerspruch und Widerstand bleibt. Die wichtigste Botschaft kam nicht aus der Kongresshalle, sondern von den Straßen: Der Protest gegen Rechtsaußen ist groß, organisiert und bereit, sich den Inszenierungen der Rechten entgegenzustellen.