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Sportwetten in Deutschland

Erst der Ausgleich, dann die Schulden

von Jakob

Erst der Ausgleich, dann die Schulden
Bildquelle: meinungsmache.de

Am heutigen Sonntag findet in New York das Finale der Fußball-WM der Männer zwischen Argentinien und Spanien statt. Über einen Monat lang haben sich 48 Länder in 104 Spielen darum gemessen, wer am besten das Runde ins Eckige bekommt. Und in allen diesen 104 Spielen wurde gleichzeitig für ein Produkt geworben, das mutmaßlich Millionen Menschen weltweit die Existenz kostet. Denn vor jedem Anpfiff, in der Halbzeit, nach dem Abpfiff, auf den Trikots, auf den Banden und selbst dann, wenn man ausnahmsweise gerade nicht aufs Spielfeld schaut, ist Werbung für Sportwetten allgegenwärtig. Mit Betano gibt es sogar einen offiziellen Tournament Supporter der FIFA. Und das, obwohl in Deutschland und weltweit immer mehr Menschen in eine Glücksspielsucht abrutschen.

28 Minuten Werbung pro Spiel

Wie massiv die Präsenz inzwischen ist, hat die Universität Hohenheim gemessen. Glücksspielforscher Steffen Otterbach und sein Team haben ausgezählt, wie viele Minuten Sportwetten-Werbung direkt vor, während und nach den WM-Spielen der deutschen Nationalmannschaft zu sehen waren. Das Ergebnis: durchschnittlich 28 Minuten pro Spiel, also zehn Minuten mehr als noch bei allen Spielen der EM 2024. Fast eine halbe Stunde Werbung für ein Produkt, das für unter 18-Jährige verboten ist, und das ausgerechnet in den TV-Events mit der höchsten Reichweite in Deutschland: Jedes der vier deutschen WM-Spiele kam auf mindestens 17 Millionen Zuschauer:innen. Kinder und Jugendliche inklusive.

Die Werbeausgaben zeigen, dass die Branche in diese Sichtbarkeit auch massiv investiert. Zwischen Juli 2020 und Juni 2021 pumpten Sportwettenanbieter allein in Deutschland 142,5 Millionen Euro in Werbung. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum übrigens 582 Millionen Euro für Glücksspielwerbung ausgegeben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen formuliert das Missverhältnis noch schärfer: Rund hundertmal mehr Geld fließt in die Werbung für Glücksspiel als in die Prävention. Die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern fordert deshalb ein tagsüber geltendes Werbeverbot für Sportwetten.

Und das Geld ist gut investiert

Ein Drittel aller Sportwettenden gibt an, durch Werbung zusätzliche, ungeplante Wetten abgeschlossen zu haben. Bei Personen mit bereits problematischem Wettverhalten sind es 87 Prozent. Eine Studie aus 2021 zeigt außerdem: Drei von zehn Menschen wurden durch Werbung überhaupt erst zum Glücksspiel animiert. Die Universität Sheffield hat für die WM 2022 nachgemessen, dass die Wettfrequenz während Übertragungen mit Glücksspielwerbung um bis zu 24 Prozent höher lag als bei werbefreien Übertragungen. Egal, ob die Zuschauer:innen vorher wetten wollten oder nicht.

Die perfide Illusion von Kontrolle

Dabei lockt die Branche mit einer besonders perfiden Methode: dem Skill-Framing. Also der Idee, dass man mit genug Recherche jede Wette gewinnen kann. Nur: Das stimmt nicht. Forscher:innen haben echte Sportexpert:innen, Sportjournalist:innen, ehemalige Profis und Laien in ihrem Wettverhalten verglichen. Am Ende ergab sich keinerlei Signifikanz der Expertise, weil zufällige Einflüsse den Ausgang eines Spiels stärker prägen als jedes noch so komplizierte Excel-Sheet. Kurzum: Man hätte auch würfeln können.

Warum das Skill-Framing trotzdem funktioniert, hat einen psychologischen Namen: die Illusion of Control. Da man beim Wetten dauernd aktive Entscheidungen trifft, bekommt man das Gefühl, das Geschehen zumindest ein wenig steuern zu können. Gleichzeitig befreit einen der Zufall, wie bei einer roten Karte, von jeglichem Fehler: Geht die Wette auf, dann weil du das Spiel so gut analysiert hast; geht sie daneben, dann trotz deiner Analyse. „Der Schiri war ja Schuld.“ Das nimmt dem Glücksspiel den Makel. Beim Lotto hofft man einfach auf sein Glück, beim Wetten kann man durch vermeintliche Expertise punkten. Das drückt die Hemmschwelle gefählich weit nach unten.

Die Folgen

Und die Folgen sind erheblich. In Deutschland leiden rund 1,3 Millionen Menschen an einer Glücksspielstörung, weitere Millionen zeigen ein mindestens riskantes Spielverhalten. Junge Männer zwischen 18 und 25 sind dabei rund doppelt so häufig betroffen wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Daran trägt vor allem die Sportwettenindustrie eine Mitschuld. Im Vergleich: Von einfachem Lotto entwickelt lediglich jeder Zwanzigste ein problematisches Spielverhalten, von Live-Sportwetten fast jeder Vierte.

Die Konsequenzen daraus sind verheerend. Rund drei Viertel der Spielsüchtigen haben Schulden, über 20Prozent der Betroffenen mit Beträgen von über 25.000 Euro. Nicht zu schweigen von den Angehörigen, denn durchschnittlich zieht jede Suchterkrankung acht bis zehn Menschen aus dem Umfeld mit ins Elend. Und gleichzeitig haben Betroffene ein deutlich erhöhtes Risiko, sich das Leben zu nehmen. Skandinavische Registerstudien beziffern es auf rund viermal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung, bei Männern mit einer Glücksspielstörung ist Suizid sogar die häufigste Einzeltodesursache.

Wenn die WM auch noch Wetten auf Politik zulässt

Neu bei dieser WM ist außerdem, dass die FIFA erstmals Werbung für sogenannte Gesellschaftswetten, auch als Prediction Markets bekannt, zulässt. Zwei Anbieter, Predictstreet und Kalshi, sind mit Bandenwerbung präsent. Bei ihnen kann man auf Nicht-Sportereignisse setzen, etwa auf den Ausgang einer Bürgermeisterwahl. In Deutschland sind diese Wetten illegal, weil sie besonders anfällig für Insider-Handel sind. Wie schnell das eskalieren kann, hat vor Kurzem der Fall eines US-Soldaten gezeigt, der über 400.000 Dollar auf die Festnahme des ehemaligen venezolanischen Präsidenten Maduro gesetzt hatte. Dann stellte sich heraus, dass er selbst an dessen Ergreifung beteiligt war. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) prüft derzeit rechtliche Schritte gegen die beiden Anbieter. Predictstreet hat sein Angebot für Nutzer:innen aus Deutschland vorsorglich gesperrt. Die Bandenwerbung im TV läuft trotzdem weiter. Laut ARD als „unvermeidbarer Bestandteil des Bildgeschehens", auf den man kein Mitspracherecht habe.

Andere Länder ziehen längst durch

Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick ins Ausland. Italien hat 2018 als erstes EU-Land jede Form von Glücksspielwerbung komplett verboten. Großbritannien verbietet Wettwerbung von kurz vor bis kurz nach jeder Live-Sport-Übertragung im Fernsehen und hat Profisportler:innen und Influencer:innen als Werbegesichter komplett gestrichen. In Deutschland dagegen gilt lediglich ein Werbeverbot direkt vor und während einer Live-Übertragung. Aber nur auf demselben Sender, und nur für Wetten auf dasselbe Ereignis. Trikots, Banden, Social Media und Pressekonferenzen laufen weitgehend ungehindert weiter.

Anpfiff für ein Werbeturnier

Wenn heute Abend Argentinien und Spanien im New Yorker Stadion aufeinandertreffen, dann wird auf den Trikots, den Banden und in den Werbepausen ein Sponsor mitspielen, dessen Geschäftsmodell davon lebt, dass die Zuschauenden weiterspielen. Und verlieren.