Exklusives Interview mit Rentenpolitikerin Sarah Vollath (Die Linke)
EXKLUSIV: Warum hat sich 'Die Linke' beim Rentenpaket enthalten?
Warum hat sich die Linke beim Rentenpaket enthalten? Wollte man damit eine Ampel 2.0 verhindern? Im Interview erklärt die rentenpolitische Sprecherin der Linksfraktion Sarah Vollath, warum ihre Partei diesen Weg gegangen ist – und welche Missverständnisse bis heute bestehen.
Das Rentenpaket war eine erneute Zerreißprobe der schwarz-roten Bundesregierung. Zentraler Bestandteil des Pakets ist die Stabilisierung des Rentenniveaus auf 48 Prozent bis 2031. Diese Stabilisierung führt dazu, dass Rentner:innen rund zwei Prozent höhere Renten im Vergleich zu einem Szenario ohne Reform erwarten können. Hinzu kommt die sogenannte Mütterrente, durch die Kindererziehungszeiten stärker bei der Rente berücksichtigt werden. Diese Zeiten werden nun um ein halbes Jahr auf insgesamt drei Jahre angehoben – eine Regelung, die für später geborene Eltern bereits länger gilt. Für Betroffene bedeutet das eine Erhöhung der monatlichen Rente um knapp 20 Euro pro vor 1992 geborenem Kind. Der Rentenbeitragssatz soll zwar bis einschließlich 2027 bei 18,6 % bleiben, steigt dann allerdings 2028 auf 19,8 %. 2030 erhöht sich dieser dann auf 20,1 % und bis 2039 auf 21,2 %.ℹ︎
Die Kritik an dem Rentenpaket war groß. Kritiker:innen bemängelten, dass dadurch die Generationengerechtigkeit weiter ausgehöhlt werde und jüngere Menschen auch künftig deutlich mehr einzahlen müssten, ohne sich auf eine verlässliche Rente verlassen zu können. Sogar aus der Union gab die sogenannte "Junge Gruppe" dem Paket Kontra. Anfang Dezember wurde das Paket trotz massiver Kritik beschlossen. Die Linke enthielt sich bei der Abstimmung, was sowohl bei Parteimitglieder:innen als auch bei der Grünenfraktion im Bundestag für Unmut sorgte.ℹ︎
Sarah Vollath ist seit 2018 Mitglied der Linken. Seit 2025 sitzt sie als Renten- und Alterssicherungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Dort hielt sie bereits mehrere Reden zum Thema Rentenpolitik und Sozialer Gerechtigkeit. Zuvor hat sie als Sozialarbeiterin eine Nachmittagseinrichtung an einer Grundschule geleitet.
Hinweis: Dieses Interview gibt es ausführlicher im Videoformat auf unserem YouTube-Kanal. Das Gespräch fand am 15.01.2026 statt.
Enthaltung beim Rentenpaket
Meinungsmache: Hallo Frau Vollath. Eine Frage zu Beginn: Ist es mit den Kindern in der Grundschule oder mit den Bundestagsabgeordneten im Parlament anstrengender?
Sarah Vollath: Das ist schwierig zu sagen. Ich war sehr gerne Sozialarbeiterin. Ich mache das jetzt aber auch gerne. Aber ja, manche Situationen fühlen sich oft ähnlich an.
Kommen wir zum Thema: Können Sie kurz erklären, worum es in dem Rentenpaket ging?
Im Rentenpaket enthalten war zum einen die Mütterrente III, zum anderen die Aufhebung des Vorbeschäftigungsverbots und drittens die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent bis 2031. Das waren die drei Komponenten. Die Aktivrente wurde einfach nur in einem Zug mit durch gestimmt. Deswegen kam es zu viel Verwirrung.
Die Aktivrente war selbst gar kein Teil dieses Rentenpakets?
Die Aktivrente ist ein eigenes Gesetz, das unter demselben Tagesordnungspunkt aufgesetzt und in einer separaten Abstimmung abgestimmt wurde.
Und hat sich die Linke da auch enthalten?
Nein, bei der Aktivrente haben wir dagegen gestimmt. Zusätzlich hat man auch das Betriebsrentenstärkungsgesetz abgestimmt, was dann ebenfalls durchgegangen ist. Zuletzt kam dann das Rentenpaket, bei dem wir uns enthalten haben.
Durch ihre Enthaltung konnte das Rentenpaket einfacher durchgebracht werden. Was waren ihre Befürchtungen, wenn das nicht durchgeht?
Die Frage war, was die Alternative zum Rentenpaket gewesen wäre. Manche Stimmen sagen, dass es Nachverhandlungen gegeben hätte und SPD, Grüne oder auch die Linke Verbesserungen hätten fordern können. Aus der politischen Praxis kann ich klar sagen: Die Linke hätte da keine Verbesserungen reinverhandeln können. So läuft das einfach nicht. Und aus der Erfahrung mit der SPD zeigt sich, dass sich damit nichts verändert hätte. Die SPD macht seit Monaten nichts anderes, als immer einzuknicken und sich immer wieder Verschlechterungen reinverhandeln zu lassen. Wir sind deswegen davon ausgegangen, dass die Alternative zum Rentenpaket ist, dass es entweder Verschlechterungen gibt, oder dass es zu einem Stillstand im Bereich Rente kommt, was zwangsläufig zu einem Absinken des Rentenniveaus führt.
Ein anderer öffentlicher Erklärungsansatz für die Enthaltung war die Angst vor einem möglichen Regierungsbruch und darauffolgende Neuwahlen. Hierbei würde vor allem die Linke, aber auch die rechtsextreme AfD profitieren. Hat das eine Rolle bei der Entscheidung gespielt?
Ja, gäbe es Neuwahlen, hätten wir deutlich mehr Stimmen. Wer allerdings deutlich weniger hätte, wäre die SPD. Und die SPD hat unfassbare Angst vor Neuwahlen. Gerade deswegen bin ich mir sicher, dass die SPD wieder auf die Knie gegangen wäre.
Das Rentenpaket verzögert die Situation nur, langfristig verschlechtern sich die Renten trotzdem? Bräuchte es nicht eher eine Systemreform der Rente an sich?
Es ist mir wichtig zu betonen, dass wir das Paket nicht durchgewunken haben. Wir haben uns bewusst aus einer fachpolitischen Bewertung heraus enthalten. Natürlich reicht das Rentenpaket nicht. Wir als Linke wollen eine grundsätzliche Reform des Rentensystems. Wir fordern schon lange die Stabilisierung bei mindestens 53 Prozent. Das Rentenpaket hat uns jetzt Zeit gewonnen. Unsere Aufgabe ist es zu verhindern, dass das Rentenniveau weiter absinkt.
Wenn Sie sich aber nicht enthalten hätten, wäre das Paket weniger wahrscheinlich durchgegangen. Die Enthaltung wirkt ein wenig wie ein Support.
Gehen wir zurück zur Entscheidungsfindung. Wir haben viele Diskussionen zu diesem Thema geführt. Wir waren uns einig, dass wir auf Inhalten basierend entscheiden. In Deutschland sind über 20 Millionen Menschen in Rente, jeder fünfte ist bereits jetzt armutsgefährdet. Wir möchten die Entscheidung nicht aus Taktik heraus entscheiden, sondern aus der Frage heraus: 'Was bedeutet dieses Rentenpaket für die Menschen und was passiert, wenn es nicht kommt.'
Und so haben wir uns die einzelnen Komponenten angeschaut. Zum einen das Vorbeschäftigungsverbot. Bisher endete das Arbeitsverhältnis mit dem Renteneintritt automatisch, eine Weiterbeschäftigung beim selben Arbeitgeber war nicht möglich. Das sollte verhindern, dass Menschen zu schlechteren Bedingungen weiterarbeiten. Dieses Vorbeschäftigungsverbot wurde nun aufgehoben. Wir halten das für keine gute Idee, weil dadurch Tür und Tor für schlechtere und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse geöffnet werden. Dazu kommt die Mütterrente, die schon lange eine Forderung der Linken ist. Das finden wir richtig. Und dann gibt es noch die Stabilisierung des Rentenniveaus. Die macht die Situation genauso schlecht, wie sie jetzt schon ist. Aber wenn man sich den Verlauf mit und ohne Rentenpaket anschaut, zeigt sich, dass die Stabilisierung bei 48 Prozent bis 2031 im Vergleich besser ist als ohne Paket. Und deshalb haben wir gesagt, dass es uns zwar nicht genug ist, aber besser als ohne. Heißt: Ja zur Mütterrente, Nein zur Abschaffung vom Vorbeschäftigungsverbot und eine Enthaltung zur Stabilisierung des Rentenniveaus. So kommen wir zur Gesamtenthaltung.
Selbst, wenn es ohne Enthaltung schlechter geworden wäre, hätte die Verantwortung dafür bei der Regierung gelegen. Stattdessen wirkt es so, als hätte die Linke geholfen, einen schlechten Status quo zu erhalten – und damit gerade junge Menschen enttäuscht.
In dieser gesamten Diskussion gibt es eigentlich zwei Debatten. Das eine ist die fachpolitische Debatte um das Rentenpaket, die andere über das richtige Verhalten als Opposition. Letztere wird auch innerhalb unserer Partei intensiv und kritisch diskutiert, was ich richtig finde. Wenn man sich den konkreten Ablauf der Entscheidung anschaut, deutet jedoch vieles darauf hin, dass das Rentenpaket auch ohne unsere Enthaltung eine Mehrheit gehabt hätte.
Ist ihre Enthaltung dann nicht umso unsinniger?
Nein, eben weil es eine fachpolitische Entscheidung war. Wir können dem nicht zustimmen, weil es uns nicht reicht. Wir können aber auch nicht ablehnen, weil die Alternative für über 20 Millionen Menschen eine Katastrophe ist, übrigens auch für junge Menschen. Ich will das Rentenpaket nicht verteidigen, ich halte es im Grundsatz für falsch. Aber fachpolitisch war es die richtige Entscheidung. Über parteitaktische Fragen kann man diskutieren – aber nicht auf dem Rücken von über 20 Millionen Rentnerinnen und Rentnern.
Trotzdem führte die Enthaltung zu massiven Debatten. Die Enttäuschung war groß. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Ich habe mehr positive Rückmeldungen bekommen als negative. Natürlich bekomme ich mit, wie diese Debatte geführt wird – da habe ich auch Verständnis für. Die Fraktion 'Die Linke' hat aber Verantwortung übernommen für Rentner:innen. Wenn wir uns als Partei für eine Fundamentalopposition entscheiden, die grundsätzlich dagegen ist, müssen wir den Menschen auch ehrlich sagen: Wir sind auch dann dagegen, wenn es um Entscheidungen geht, die ihr Leben verbessern – oder zumindest nicht weiter verschlechtern.
Es geht aber nicht darum, was richtig ist, sondern was die Leute glauben. Es gibt Menschen, die große Erwartungen an 'Die Linke' hatten, sich jetzt allerdings verprellt fühlen. Politikverdrossenheit ist ein großes Problem, vor allem bei jungen Menschen.
Deswegen versuche ich zu erklären, wie wir zu solchen Entscheidungen kommen. Ein großes Problem ist das neoliberale Märchen des Generationenkonflikts. Es gibt keinen Konflikt zwischen Jung und Alt – es gibt einen Konflikt zwischen Arm und Reich. Natürlich ist das Vermögen eher in der älteren Bevölkerung, aber 'Die Linke' steht dafür, das Vermögen dort zu holen, wo es ist. Problematisch ist, dass jungen Menschen massiv suggeriert wird, sie müssten alles bezahlen und würden am Ende nichts mehr davon haben. Wir sagen: Wenn die gesetzliche Rentenversicherung vernünftig aufgestellt und reformiert wird, profitieren alle Generationen. Konzepte wie eine solidarische Mindestrente sollen sicherstellen, dass Menschen im Alter würdevoll leben können, auch wenn sie keine hohen Rentenansprüche aufbauen konnten. Ich nehme die Sorgen junger Menschen sehr ernst. Gerade deshalb beschäftige ich mich so intensiv mit Rentenpolitik. Das umlagefinanzierte Rentensystem ist im Kern richtig, wurde aber politisch geschwächt. Deshalb muss die gesetzliche Rente gestärkt werden, gerade auch für junge Menschen. Studien zeigen, dass junge Menschen sogar bereit wären, höhere Beiträge zu zahlen, wenn sie sich darauf verlassen könnten, später eine gute Rente zu bekommen.
(Anm. der Redaktion: Eine repräsentative Umfrage der IG Metall aus 2016 zeigt, dass rund 72 % der jüngeren Befragten höhere Rentenbeiträge in Kauf nehmen würden, wenn ihre eigene Rente dadurch gesichert ist. Auf Nachfrage wurde uns die MetallRente-Studie von 2025 vorgelegt. Diese zeigt, dass junge Menschen höhere Beiträge eher akzeptieren als Leistungskürzungen, jedoch mehrheitlich steuerfinanzierte Zuschüsse bevorzugen (65 % Steuern, 16 % Beiträge)
Die ideale linke Rente
Was ist die ideale Lösung der Rentenfrage von der Partei 'Die Linke'?
Zunächst möchten wir eine Erwerbstätigenversicherung, in die alle einzahlen, auch Beamt:innen, Politiker:innen und Selbstständige. Außerdem möchten wir das Rentenniveau auf mindestens 53 Prozent stabilisieren. Zusätzlich wollen wir eine solidarische Mindestrente von aktuell 1.400 Euro einführen, um ein würdevolles Leben für alle möglich zu machen.
Dann gibt es noch weitere Stellschrauben im Rentensystem. Eine davon ist die Beitragsbemessungsgrenze, die aktuell bei rund 8.050 Euro liegt. Einkommen oberhalb dieser Grenze werden nicht mehr zur Rentenversicherung herangezogen. 'Die Linke' will diese Grenze mindestens verdoppeln.
Zudem sollen besonders hohe Rentenansprüche stärker abgeflacht werden. Derzeit betrifft das nur wenige Tausend Menschen: Ab einer Rente von 3.670,10 Euro greift eine Abflachung, bei der Rentenansprüche oberhalb von 90 Entgeltpunkten nur noch zur Hälfte angerechnet werden. Nach unserer Einschätzung gäbe es hier rechtlich Spielraum für eine stärkere Abflachung, wir werden wahrscheinlich Ende des Jahres genauere Berechnungen haben.
Obendrein lassen wir gerade die überparitätische Beteiligung der Arbeitgeber:innen prüfen, also dass Arbeitgeber:innen mehr zahlen als die Beschäftigten. Momentan liegt der Beitragssatz bei 18,6 Prozent und wird hälftig von Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen übernommen. Wir wollen den Arbeitgeber:innenanteil erhöhen. In Österreich ist das Realität, da zahlen Arbeitgeber:innen mehr als die Mitarbeitenden.
Wenn das Rentensystem trotz aller Pflaster immer weiter absinkt und Vertrauen verliert: Warum überhaupt daran festhalten – und warum nicht radikal neu denken, etwa mit einem bedingungslosen Grundeinkommen?
Wir fordern bereits eine sanktionsfreie Mindestsicherung. Ich verstehe den Gedankengang, aber Sie sprechen mit einer Rentenfachpolitikerin. Die Linke hat Forderungen und Ideen für das große Ganze. Ich möchte die Grundsicherung im Alter nicht reformieren, sondern abschaffen, weil wir stattdessen eine solidarische Mindestrente brauchen. Dann wäre dieses menschenunwürdige System überflüssig. Genauso möchte ich das Bürgergeld nicht reformieren, sondern durch eine Mindestsicherung ersetzen. Das sind grundsätzliche Fragen. Gleichzeitig bin ich als Rentenpolitikerin im Parlament mit der bestehenden Realität konfrontiert und muss innerhalb dieses Systems arbeiten.
Gibt es noch etwas, dass Sie zur Rente loswerden müssen?
Es wird gerne so dargestellt, dass das umlagefinanzierte gesetzliche Rentensystem nicht mehr funktioniert und wir einen Generationenkonflikt haben. Mir ist es wichtig zu sagen, dass dieses Rentensystem das Beste ist, was wir haben könnten. Wir müssen es einfach nur so ausstatten, dass es funktioniert. Länder wie Österreich zeigen: Wem die Rente was wert ist, der muss sie gut ausfinanzieren. Und dann sind wesentlich höhere Rentenniveaus möglich, während Menschen nicht viel mehr belastet werden. Ich finde es wichtig, dass gerade junge Menschen das Vertrauen in die Rente zurückgewinnen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Vollath. Das war sehr aufschlussreich.
Gern geschehen.
Die Quellenangabe erfolgt über das im Text verlinkte ℹ︎.