Spaltung als System

Nach unten treten, nach oben schweigen: Warum wir die Falschen zum Feind erklären


Nach unten treten, nach oben schweigen: Warum wir die Falschen zum Feind erklären
Bildquelle: Montage: Redaktion; verwendete Bilder: Silar, CC BY-SA 4.0

DAX-Unternehmen streichen jedes Jahr Rekordgewinne ein, die Zahl der Multi-Millionär:innen in Deutschland ist höher als je zuvor, Politiker:innen betrügen den Staat ungestraft um Milliardenbeträge. Trotzdem dreht sich der öffentliche Diskurs weitgehend nicht um diese systemischen Probleme, sondern um die Frage, ob wir nicht das Bürgergeld kürzen sollten, um vermeintliche „Sozialschmarotzer:innen“ zum Arbeiten zu bewegen. Dabei würden solche Kürzungen nur etwa ein Prozent dessen ausgleichen, was Unternehmen jährlich durch illegale Steuerhinterziehung verursachen.

Warum also wird nicht gegen mächtige Unternehmen gewettert, die den Sozialstaat maßgeblich mit ruinieren, sondern gegen wehrlose Menschen in ohnehin finanziell prekärer Lage?

Ein Teil der Antwort liegt darin, wie wir Menschen gedanklich Gruppen bilden, und wie wenig es dafür braucht. Man kann Menschen völlig zufällig in Gruppen einteilen, ohne gemeinsame Geschichte, ohne tatsächliche Gemeinsamkeiten zwischen den Mitgliedern der jeweiligen Gruppierung. Sie fangen dennoch prompt an, ihre eigene Gruppe zu bevorzugen und Menschen in anderen Gruppen schlechter zu bewerten. Es reicht offenbar, dass jemand sagt: „Du gehörst hier dazu.“ Was folgt, ist fast automatisch ein „Wir-Gefühl“, das sich positiv anfühlt, und eine Tendenz, die Gegengruppe abzuwerten; nicht aufgrund von Fakten, sondern um die eigene Gruppe als überlegen wahrzunehmen.

Das kennen wir alle aus dem Alltag. Für Fans vom FC Bayern besteht das Dortmunder Team eindeutig aus Foulspieler:innen. PC-Gamer:innen halten Konsolen-Spieler:innen für „Peasants“, die nicht richtig zielen können. Aber in einer Gesellschaft sind die Gruppen nicht von vornherein festgelegt. „Einheimische“ gegen „Zugezogene“, „Deutsche“ gegen „Nicht-Deutsche“, „Leistungsträger:innen“ gegen „Sozialschmarotzer:innen“. All das sind soziale Konstruktionen, keine Naturgesetze. Und die entscheidende Frage ist nicht, ob Menschen in Gruppen denken. Das tun wir sowieso. Die Frage ist stattdessen: Wer entscheidet, welche Gruppen auf welche Weise und mit welchem Narrativ sichtbar werden? Denn dadurch wird auch politische Macht über schwächere Gruppen aufgebaut.

Das wird selten von einzelnen Personen oder gar einem gezielten Plan gesteuert. Es geschieht vielmehr durch Wiederholung: durch Politiker:innen, die von „Wir Deutschen“ sprechen; durch Medien, die Bürgergeldempfänger:innen zum Problem stilisieren; durch einen Diskurs, in dem bestimmte Fragen als legitim gelten und andere nicht. Das Ergebnis ist, dass die Konfliktlinie zwischen „Leistungsträger:innen“ und „Sozialschmarotzer:innen“ sichtbar bleibt, während eine andere, viel wesentlichere, unsichtbar bleibt.

Denn objektiv gesehen haben die Kassiererin aus Sachsen, der Krankenpfleger aus Syrien und der Bürgergeldempfänger alle etwas sehr Grundlegendes miteinander gemeinsam: Sie alle sind darauf angewiesen, dass am Ende des Monats Geld auf dem Konto ist. Sie alle spüren, wenn Mieten steigen oder Lebensmittel teurer werden. Aber solange die Kassiererin mit Argwohn auf den Bürgergeldempfänger schaut und der Bürgergeldempfänger neidvoll auf den Krankenpfleger, schaut niemand nach oben. Die eigentliche Konfliktlinie zwischen denen, die von steigenden Preisen in ihrer Existenz bedroht werden, und denen, für die steigende Preise Rendite und Gewinne bedeuten, bleibt im Verborgenen.

Ein Diskurs, der das benennt, hätte unbequeme Konsequenzen: mehr Forderungen nach sozialer Absicherung und fairen Löhnen, mehr Streiks, mehr Druck von unten auf Politiker:innen und Arbeitgeber:innen. Das ist aber nicht gewollt. Und deshalb bleibt es bei dem bequemen Narrativ des faulen Bürgergeldempfängers. Die Frage, über die wir als Gesellschaft diskutieren sollten, müsste aber lauten: „Warum reicht Arbeit für immer mehr Menschen nicht mehr zum Leben?“

Solange wir uns gegenseitig als Bedrohung wahrnehmen, solange es gelingt, Menschen in Gruppen aufzuspalten, die untereinander mehr gemeinsam haben als mit jenen, die diese Spaltung verursachen, solange muss niemand Angst haben, dass wir nach oben schauen.