Fußball und häusliche Gewalt:

Verurteilt die Täter, nicht den Sport.

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Verurteilt die Täter, nicht den Sport.
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Es gibt Dinge, die gehören zu jedem sportlichen Großereignis fast schon rituell dazu: Irgendwann verletzt sich ein junger Hoffnungsträger, und jede zweite Sport-Redaktion titelt entsetzt „Karriere-Aus?!“ Eine der Spieler:innen macht mit einer unbedachten Aktion oder Äußerung auf sich aufmerksam, und die Häme reißt nicht ab. (Harry Kane spielt Golf mit Donald Trump? Muss das sein?) Mindestens ein Nationaltrainer wird zurücktreten. Friedrich Merz wird unvermeidlich unter Beweis stellen, dass er sich selbst in Sachen Realitätsferne immer wieder aufs Neue unterbieten kann. Und so sicher wie das Amen in der Kirche werden irgendwann Politiker:innen das Thema häusliche Gewalt ins Spiel bringen.

Dabei geht es nicht immer unbedingt um Opferschutz, sondern oft auch darum, sich ein bisschen von der köstlichen öffentlichen Aufmerksamkeit für ein großes Sportereignis für die eigene Profilierung abzuzwacken.

Das weit verbreitete Narrativ, dass frustrierte betrunkene Männer ihre Partner:innen schlagen, weil ihre Lieblingsmannschaft gerade ein Spiel verloren hat, ist zwar einerseits die traurige Realität besonders für viele Frauen, andererseits eben auch nur eine Stammtischweisheit. Dass es sich dennoch hartnäckig hält, liegt wahrscheinlich auch an der bequemen vermeintlichen Kausalität, die so schön einfach und eindrücklich reproduzierbar ist.

Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM postete Luis Bobga, Co-Chef der Grünen Jugend, in sozialen Medien zu dem Thema: „Du sagst Elfmeter heißt Nervenkitzel, aber was ist das für deine Nachbarin, wenn Fehlschuss bedeutet, dass ihr Mann sie danach zusammenschlägt?“ ℹ︎ Weiter mutmaßte er: „Wie viele Männer haben heute Nacht um halb 2 wohl rotzevoll die Wut auf Paraguay an ihren Frauen rausgelassen?“ ℹ︎

Ziemlich diametral auf der anderen Seite des politischen Spektrums hatte die britische Abgeordnete Sarah Pochin von der rechten Reform UK Partei nach dem Sieg von England gegen Kroatien sinngemäß auf Social Media geschrieben: „Der Sicherheit unserer Frauen zuliebe muss England weiter Spiele gewinnen. Immer wenn sie verlieren, steigt die häusliche Gewalt an. Deshalb: Gewinnt weiter, Jungs!“ ℹ︎

Pochin hat in Punkto Dummheit und Dreistigkeit viel von ihrem Chef Nigel Farage gelernt. Im Herbst letzten Jahres sagte sie, die Werbung sei viel zu „voll“ mit Schwarzen und asiatischen Menschen. Froschmaul-Millionär Farage hatte sie in dem darauffolgenden Shitstorm verteidigt. ℹ︎

Beide Kommentare sind nicht nur platt und gefährlich, weil Täterverantwortung (besonders von Pochin) verwässert wird. Mit Verantwortung halten es die Rechten von Reform UK, die Mülldeponie für ausrangierte Politiker der konservativen Tories, aber generell nicht so genau. Die Bemerkungen beider Politiker:innen gehen leider aber auch an der Realität vorbei. Denn es gibt nicht nur dann eine Zunahme von häuslicher Gewalt, wenn die „eigene“ Mannschaft verliert. Sondern immer wenn ein großes Spiel stattfindet. Und zwar unabhängig vom Ergebnis.

Die australische Forscherin und Sozialwissenschaftlerin Kirsty Forsdike hat dazu eine anspruchsvolle Meta-Studie mit internationalem Fokus vorgelegt. ℹ︎ Fast alle für die Studie untersuchten Forschungen zeigten demnach in der Tat einen Zusammenhang zwischen großen Sportereignissen und einem Anstieg von häuslicher Gewalt an. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber auch, dass der Auslöser durchaus nicht immer ein verlorenes Spiel sein muss, und dass dieses Phänomen auch nicht nur auf den Fußball begrenzt ist.

Ein Anstieg von häuslicher Gewalt ist beispielsweise auch bei American Football Spielen in der amerikanischen NFL oder bei Eishockey-Spielen zu beobachten. Im Falle zweier lang verfeindeter Fußballclubs in Schottland, Celtic und Rangers, steigt die Zahl von Fällen häuslicher Gewalt an Spieltagen in Vergleich zu Nicht-Spieltagen um drastische 36 Prozent. Interessanterweise lässt sich diese Aggression jedoch offenbar nicht in Länderspielen der schottischen Nationalmannschaft wiederfinden. Und die schottische Nationalmannschaft verliert wirklich sehr, sehr oft.

Eine der von Forsdike untersuchten Studien stellt sogar einen höheren Anstieg häuslicher Gewalt bei gewonnenen Spielen der englischen Nationalmannschaft fest. Demnach steigen die Fälle von häuslicher Gewalt um 45 Prozent, wenn England gewinnt, im Vergleich zu 39 Prozent, wenn England verliert.

Besonders Pochins armseliger und zynischer Kommentar verkennt auf fatale Weise, dass nicht der Fußball schuld ist, wenn Männer ihre Partner:innen schlagen. Und der Fußball kann das auch nicht richten. Denn Täter sind nicht Täter, weil gerade ein Spiel gewonnen oder verloren wurde. Wenn es keine Fußballspiele oder andere großen Sportereignisse mehr gäbe, dann würden diese Täter einen anderen Vorwand finden, um gewalttätig zu werden. Denn wenn ein Täter zu Gewalt gegenüber seiner Partner:innen greift, dann geht es nicht um Fußball; und auch nicht um verlorene Spiele oder verschossene Elfmeter. Es geht um Macht und Machtausübung, Ungleichheit und Überlegenheit, Kontrolle und Unterdrückung. Notfalls mit Gewalt.

Forsdike betont in ihrer Studie übrigens gleich ganz am Anfang, dass der Hauptgrund schlechthin für häusliche Gewalt nach wie vor in allererster Linie die strukturelle Geschlechterungleichheit sei.