FIFA WM 2026

WM 2026: Moral? Ist leider ausverkauft.

von Jazz

WM 2026: Moral? Ist leider ausverkauft.
Bildquelle: Montage: Redaktion; verwendete Bilder: The White House; FIFA

„Zeig dem Kommerz die rote Karte!“ Was wie ein eingestaubtes Peace-Motto aus den Achtzigern klingt, ist plötzlich wieder das heißeste Eisen der aktuellen sportpolitischen Debatte. EU-Abgeordnete überbieten sich in moralischen Resolutionen, beim Deutschen Fußball Bund (DFB) herrscht das gewohnte feige Herumeiern, und in den Fankurven wird hitzig diskutiert: Müsste man diese Weltmeisterschaft 2026 nicht dringend boykottieren?

Der Katalysator für diese plötzliche universale moralische Selbsterkenntnis sitzt in Form von Donald Trump im Weißen Haus. Ein US-Präsident, der das eigene Land im Eiltempo autoritär umbaut, Minderheitenrechte beschneidet und auf der internationalen Bühne nicht nur mit dem Säbel rasselt, sondern ganz unverholen Militärschläge gegen unliebsame Länder und Regierungen einleitet. Dass ausgerechnet dieser Mann von FIFA-Chef Gianni Infantino auch noch mit einem an Absurdität nicht zu überbietenden „Friedenspreis“ geadelt wurde, schlägt dem Fass den Boden aus. Die Versuchung war noch nie so groß, jetzt die moralische Notbremse zu ziehen. Zu sagen: Nicht in unserem Namen. Nicht in unserem Sport. Doch so verständlich dieser Impuls im ersten Moment sein mag: Die aktuelle Debatte leidet unter einer kollektiven, fast schon arroganten Sehschwäche. Wer jetzt laut nach einem Boykott schreit, misst nicht nur mit zweierlei Maß, sondern betreibt heuchlerische Symbolpolitik auf dem Rücken des Sports.

Die bittere Wahrheit der letzten Weltmeisterschaften sieht nämlich so aus: Russland 2018. Annexion der Krim? Egal, der Ball und noch viel wichtiger der Rubel rollte. Katar 2022. Tausende tote Arbeitsmigranten? Eine kurze kollektive Bedrückt- und Betroffenheit, dann schalteten Millionen doch wieder den Fernseher ein. Die Zukunft? Saudi-Arabien steht schon für die WM 2034 bereit. Der Spitzenfußball hat seine Seele längst an die Autokraten und Despoten dieser Welt verscherbelt. Dass die moralische Empörung in Deutschland und Westeuropa ausgerechnet dann den Siedepunkt erreicht, wenn der Gastgeber USA heißt, hat einen unerträglich elitären Beigeschmack. Es wirkt eben nicht wie ein aufrichtiger, unbestechlicher Kampf für Menschenrechte. Es wirkt wie ein billiger antiamerikanischer Reflex: „Fuck Trump!“, weil der als Feindbild so herrlich bequem auf Plakate und T-Shirts passt.

Ein Boykott der europäischen Verbände würde ohnehin im Nichts verpuffen. Wir würden der Welt damit lediglich signalisieren: „Wenn ihr nicht nach unseren westlich-liberalen Regeln spielt, dann nehmen wir eben unseren Ball und gehen nach Hause.“ Wie ein beleidigtes Kind auf dem Schulhof, dem die Argumente ausgegangen sind. Das ist geopolitische Naivität in Reinkultur. Die Realität sieht anders aus. Mehr als siebzig Prozent der Weltbevölkerung leben nicht in lupenreinen Demokratien. Fußball ist einer der letzten verbliebenen Räume, in dem völlig unterschiedlichen Welten überhaupt noch zusammenkommen und miteinander sprechen müssen. Diesen Raum aus moralischer Überheblichkeit preiszugeben, ändert den politischen Kurs in Washington D.C. nicht. Es bewirkt stattdessen das Gegenteil. Es führt letztlich nur zu selbstgewählter Isolation und überlässt die Bühne kampflos der Propagandamaschinerie der Autokraten.

Zudem legt diese Debatte eine tiefe systemische Feigheit offen. Ein wirklich schmerzhaftes Druckmittel läge nämlich ganz woanders: bei den öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Anstalten, bei den globalen Milliarden-Sponsoren, bei den Funktionären, die die Hand auf dem Geldbeutel haben. Aber wo bleibt der Aufschrei der Wirtschaft? Wo der Boykott der Werbepartner? Fehlanzeige. Solange die Einschaltquoten stimmen und die Werbemillionen fließen, wird es von den Profiteuren des Systems keine kritischen Stimmen geben. Stattdessen wird die moralische Last wieder einmal nach unten durchgereicht: auf die Schultern der Spieler, die gefälligst politische Statements liefern und sich kritisch positionieren sollen, und auf die Fans, die gefälligst den Fernseher ausschalten sollen. Das ist die Perversion des modernen Sportbetriebs. Die Funktionäre kassieren die Milliarden, und die Fans vor dem Bildschirm sollen das schlechte Gewissen der Welt verwalten.

Man muss Trumps Politik zutiefst verabscheuen. Und man muss Infantinos unerträgliche Speichelleckerei und den moralischen Bankrott der FIFA scharf und unnachgiebig kritisieren. Aber den Fernseher aus Protest auszuschalten oder die Nationalmannschaft zu Hause zu lassen, ist nichts weiter als billige Gewissensberuhigung für ein einfaches egoistisches Wohlbefinden. Ein individueller Boykott hat noch nie und wird auch nie zu einer politischen Wende führen; er führt am Ende nur zu weniger Fußball und mehr Spaltung. Und das ist am Ende des Tages genau das, was den Mächtigen im Hintergrund am allerwenigsten Sorgen macht.