Menschenjagd in Sarajevo
Zum Abschuss freigegeben: Wie viel kostet es, ein Kind zu erschießen?
Vor fast 35 Jahren, am 25. Juni 1991, begann der Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens mit der Unabhängigkeitserklärung der jugoslawischen Teilstaaten Slowenien und Kroatien. Knapp ein Jahr später erklärte auch Bosnien und Herzegowina seine Unabhängigkeit. Drei dominierende Völkergruppen lebten damals im ehemaligen Jugoslawien: muslimische Bosniaken, Serben und Kroaten. Obwohl die drei Gruppen historisch oft Seite an Seite lebten, gab es ebenso tief verwurzelte Spannungen und Konflikte, die sich mit dem Zerfall des Landes in einem verheerenden Krieg entluden.
Sarajevo galt als Symbol für eine multikulturelle Gesellschaft. Umso härter traf es die Stadt, als Teile der Jugoslawischen Volksarmee und die serbische Armee der Republika Srpska die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina einkesselten.
11.541 Menschen wurden während der vierjährigen Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1996 im serbisch-bosnischen Krieg getötet. 1.601 von ihnen waren Kinder. Es war die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts und dauerte rund siebenmal so lange wie die Schlacht von Stalingrad. Nach Recherchen des italienischen Journalisten Ezio Gavazzeni soll es zu der Zeit der Belagerung einen regelrechten Safari-Tourismus gegeben haben, bei dem reiche Ausländer viel Geld bezahlten, um als Scharfschützen in Sarajevo Zivilisten zu töten: in heutiger Währung 25.000 Euro für einen Mann, 40.000 Euro für eine Frau, 50.000 Euro für ein Kind.
Die Zahlen variieren jedoch: Anderen Quellen zufolge sollen auf der „Preisliste“ Summen von 80.000 bis 100.000 Euro gestanden haben. ℹ︎ Eine der eindringlichsten Erzählungen ist der Mord an einem 1-jährigen Kleinkind, Irina Cisic, die an der Hand ihrer Mutter ihre ersten Schritte machte, als sie von einem Scharfschützen erschossen wurde. Die erwachsene Mutter neben ihr wurde verschont. ℹ︎
Besuchern der „Wochenend-Safaris“ soll gegen Zahlung dieser Abschussprämien erlaubt worden sein, Scharfschützenposten der Armee zu nutzen, um auf Zivilisten zu schießen. Nach Recherchen des kroatischen Investigativjournalisten Domagoj Margetic habe man sich mit höheren Zahlungen auch das Recht erkaufen können, schwangere Frauen zu töten. ℹ︎ Ebenso habe es einen Wettbewerb unter den Schützen gegeben, wer die hübscheste Frau erschießt. ℹ︎
Unter den Tätern sollen neben Italienern auch Touristen aus anderen westeuropäischen Ländern gewesen sein. Laut Margetic hätten ihm Kontakte aus der Miliz bestätigt, dass die Wochenend-Scharfschützen auch aus Russland, Rumänien, Griechenland, Spanien, Frankreich, Deutschland, den USA, Kanada und Großbritannien gekommen seien. Vorwürfe gegen den amtierenden serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić, er solle an der Organisation der Menschenjagd beteiligt gewesen sein, werden von ihm bestritten.
Die Staatsanwaltschaft in Mailand hat nun auf Basis von Gavazzenis Recherchen Ermittlungen eingeleitet, nachdem dieser im vergangenen November Anzeige erstattet hatte. Dabei geht es um die Beteiligung von Italienern, die in dem mutmaßlichen Scharfschützen-Tourismus involviert waren. ℹ︎ Ähnliche Vorwürfe über ausländische Touristen, die in Sarajevo Jagd auf Menschen machten, tauchten in den letzten 30 Jahren bereits mehrmals in Berichten auf. Die bosnische Zeitung Oslobodenje schrieb darüber bereits im April 1995, auch die italienische Zeitung La Stampa griff das Thema im selben Jahr auf. Darin heißt es bereits, Schützen würden von britischen und deutschen Flughäfen zu den Kriegswochenenden aufbrechen.
Zwei Jahre zuvor 1993 soll der bosnische Geheimdienst erstmals von Scharfschützen aus Italien erfahren und die italienische Regierung informiert haben. Aber erst aufgrund der Beweismittel und Recherchen von Gavazzeni, darunter auch eine Zeugenaussage eines Nachrichtenoffiziers aus dem bosnischen Militär, werden diese Vorwürfe nun erstmals gerichtlich untersucht. Die Anklage lautet auf Mord. ℹ︎
Ob auch Deutsche an der Menschenjagd beteiligt waren, ist noch nicht offiziell bestätigt. Die Zeit beruft sich allerdings ebenfalls auf Augenzeugen, die angeben, dass auch Menschen aus Deutschland unter den Scharfschützen gewesen sein sollen. Der Bundesnachrichtendienst (BND) teilte mit, es gebe im BND-Archiv keine Unterlagen dazu. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen fordert nun Auskunft darüber, was die Bundesregierung über die Beteiligung von Privatpersonen an den Morden von Zivilisten und damit de facto Kriegsverbrechen in Sarajevo wusste.
Die Gesellschaft für Deutsche Sprache hatte bereits 1992 „ethnische Säuberung“ zum Unwort des Jahres erklärt, ein Propagandabegriff aus dem Jugoslawienkrieg, der auch genauso umgesetzt wurde. Das Massaker an über 8.000 muslimischen Jungen und Männern in Srebrenica ist übrigens der einzige offiziell anerkannte Genozid im 20. Jahrhundert seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Nicht nur die Tragödie der Zivilbevölkerung in Sarajevo war damals allen bekannt, die es wissen wollten. Von der damaligen deutschen Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl, sowie von den meisten Parteien, gab es angesichts des Krieges allerdings in erster Linie Untätigkeit. Und: Schweigen.